«Nichts ist Ornament, nichts ist Show, nichts ist Überschwang, alles trifft unsere Seele»

Francesco Piemontesi über Schubert und Liszt

Francesco Piemontesi @ Camille Blake

Schuberts Klaviermusik, und insbesondere die letzten drei Sonaten, gehören zu den absoluten Lieblingswerken des Tessiner Pianisten Francesco Piemontesi. Und der überragende Klang-Magier unter den Tastenkünstlern hat wiederholt bewiesen, dass er sehr viel Persönliches darin zu sagen hat. Für sein Konzert bei der Schubertiade Schwarzenberg, die auch auf dem Programm der M&T-Leserreise am 24. Juni steht, wählte er Schuberts G-Dur-Klaviersonate D 894 und stellt sie an der Seite von Liszts musikalischen Bildern seiner Schweizer Reise, dem ersten Band seiner «Années de Pèlerinage». Continue reading

Annäherungsversuch in der Turnhalle

Emmanuelle Haïm dirigiert am Opernhaus Zürich «Scylla et Glaucus», die einzige Oper von Jean-Marie Leclair. Die Inszenierung von Claus Guth verlegt die Handlung in ein Internat.

Ein unheimlicher Amor geistert durch die Gänge dieses Internats. © Bilder: Monika Rittershaus / Opernhaus Zürich

Landschaften, Bäume und Bauern, Quellen, Meer und Sizilien. Dazu Götter- und Unterwelten, Wind und Gewitter: Leclairs Oper spielt im Freien und in der Natur. Übrig geblieben davon ist kaum etwas in der Inszenierung von Claus Guth. Irgendjemand muss im oberen Stock mal ein Fenster offen gelassen haben: Ein bisschen Herbstlaub flattert herein. Ansonsten sind die Elemente gezähmt – vordergründig jedenfalls. Continue reading

Der «Memory»-Effekt

«Jesus Christ Superstar» von Andrew Lloyd Webber in Bern.

Ein utopischer Schwärmer namens Jesus von Nazareth © Rob Lewis / Bühnen Bern

Gestrandet sind sie, irgendwo im Nirgendwo. Wo genau, warum genau, und wohin sie wollen, das lässt die Regie des erfahrenen japanischen Opernregisseurs Tomo Sugao offen. Umso deutlicher und fassbarer wird die institutionelle Gewalt eines Machtapparats, die sich um die Figur des Caiaphas und seine Entourage manifestiert. Er ist eine Mischung aus Ayatollah und Mafioso, seine Truppen agieren wie ICE-Agenten und sehen aus wie dystopische Police-Cyborgs. SPQR steht auf ihren Schusswesten, aber mit dem antiken Rom haben sie ebensowenig gemeinsam wie der Pilatus, der hier als etwas verwirrter Potentat gezeichnet ist, dem die Kontrolle über seine Staatssicherheit längst entglitten ist. Continue reading