Wir sind da, wo teure Sachen verkauft werden, die auch dann viel kosten, wenn sie nicht besonders kostbar wären. Wir kennen das von Shopping Malls oder Flughäfen. Eine schick gekleidete Kundschaft scheint nicht besonders kauflustig, aber greift dann doch eifrig zu wie die zahlreichen Tragtaschen beweisen. Die Inszenierung hat sich einen Spass daraus gemacht, bekannte Nobelmarken gekonnt zu persiflieren. Natürlich gibt es auch einen Hochglanz-Schmuckladen hier. Sein Logo ist das grosse C, aber wir wissen, dass der Designer Cardillac heisst.
Er gilt als Superstar, er kann mit Gold umgehen, wie kein zweiter, er kreiert Kunstwerke für die man buchstäblich über Leichen geht. Das jedenfalls ist der Schickeria hier schon von Anfang an klar: Wer bei Cardillac kauft, ist meistens sehr bald tot. Was sie nicht wissen: Der Goldschmied selber steckt hinter den Morden. Er kann seine Schöpfungen nicht aus der Hand geben, jedenfalls ist es das, was E. T. A. Hoffmann uns in «Das Fräulein von Scuderi» erzählt hat.
Der Regisseur Kornél Mundruczó, der von Matthias Schulz erstmals nach Zürich geholt wurde, sieht das noch etwas anders: Bei ihm ist Cardillac ein Wrack, ein Alkoholiker, der die Nächte zusammengekrümmt auf der Toilette seines Ladens verbringt und dort seine Räusche ausschläft. Seine Tochter räumt hinter ihm her und versucht ihn zu schützen. Zusammen schaffen sie es, den Schein aufrecht zu erhalten.
Unsere Titelgeschichte ist dem isländischen Pianisten Vikingur Olafsson gewidmet. Anlass dafür, den eigenwilligen Klangforscher zum Gespräch zu treffen, war nicht nur seine neue CD, die programmatisch um Beethovens Klaviersonate op. 109 kreist. Sondern auch seine Wahl als Kurator des neuen Klavierfestivals «Pulse» beim Lucerne Festival, das im Mai stattfinden wird. Ein Gespräch über den überwältigenden Einfluss Johann Sebastian Bachs, musikalische Geschwisterbeziehungen und die Zeitlosigkeit von klassischer Musik, das Sie hier lesen können.
Im aktuellen Heft porträtieren wir zudem das Komponisten-Duo David Krakauer und Kathleen Tagg, die zusammen das diesjährige «Mizmorim»-Kammermusikfestival in Basel eröffnen. Zu Wort kommt der Tenor Pene Pati, der nicht nur ein Konzert in Gstaad singt, sondern im April auch in der Titelrolle von Mozarts Oper «La Clemenza di Tito» am Opernhaus Zürich zu hören sein wird. In unserer Kritiken-Rundschau blicken wir zum Beispiel auf Anna Netrebko in Zürich, die gesichtslose «Salome» in Berlin oder auf die erste Opern-Inszenierung von Thom Luz. Das gesamte Inhaltsverzeichnis finden Sie hier.
Im Land der Klangfichten
Christoph Müller wird ab 2027 Intendant beim Klassik-Festival «Klosters Music». Eine seiner Ideen hat er schon vorgestellt: Ein neuer Geigen-Wettbewerb, aber nicht für Spieler sondern für Geigenbauer.
Wenn man in Klosters ankommt und nicht abzweigt Richtung Davos oder im Tunnel nach Sagliains verschwindet sondern dem Lauf der Landquart weiter folgt, dann kann man bei Monbiel Wälder finden, die ideale Eigenschaften aufweisen, um daraus klangvolle Streich- und Gitarren-Instrumente zu bauen. Es werden zwar verschiedene Holzarten für den Geigenbau verwendet, die Königin der Bäume dafür aber ist die Fichte. Und sie muss, soll daraus ein gut klingendes Instrument werden, in winterkalten, schattigen Höhenlagen oberhalb von 1000 Metern gewachsen sein. Nur dann sind ihre Jahrringe so dicht beisammen, dass sich daraus bestes Klangholz gewinnen lässt.
Die Firma Simonett in Bergün, die unter ihrer Marke «Tonewood Switzerland» zu den weltweit führenden Anbietern von Klangholz zählt, kennt die optimalen Standorte. Hier können – so denn auch der Mond noch in der richtigen Phase steht – Fichten geschlagen werden, die sich für Geigen eignen, die dem Vorbild von Stradivari gerecht werden können. Der hatte seine Hölzer zwar aus dem Trentino, aber natürlich wusste die Gilde der Cremoneser Geigenbauer um die Geheimnisse von gutem Klangholz.
Von den besonderen Fichten hinten im Tal ahnte Christoph Müller noch gar nichts, als er angefragt wurde, das Klassik-Festival «Klosters Music» nach acht Jahren unter der künstlerischen Leitung des Briten David Whelton in die Zukunft zu führen. Die Idee des neuen Klosterser Wettbewerbs entwickelte er aus der Faszination für den Bau von Streichinstrumenten, die er seit seiner Jugend teilt, wie er sagt. Und daraus einen ganz neuen Wettbewerb zu entwickeln, das erschien ihm geeignet als ein markantes Alleinstellungsmerkmal des Klassik-Festivals in Klosters.
Dabei geht es nicht – wie sonst meistens – darum, unter dem begabten Nachwuchs weitere hoffnungsvolle Geigen-Solisten und Solistinnen auszuwählen. Sondern unter den Holzhandwerkern die besten Geigenbauer oder -bauerinnen zu prämieren. Es gibt in der Schweiz seit Jahrzehnten eine Institution dafür, die Geigenbau-Schule in Brienz. Und sie ist denn auch Partnerin des neuen Wettbewerbs in Klosters, der aber weltweit für alle Talente jeglichen Alters offen steht.
Jedes Jahr soll ein besonderes Instrument als Inspirationsquelle und Modell vorgestellt werden. 2027 startet Müller mit der Guarneri del Gesù «ex Sainton». Arabella Steinbacher wird sie im Konzert vorstellen, und nach ihrem Vorbild werden die eingereichten Arbeiten konzipiert und schliesslich von einer Fachjury auch bewertet. Symposien und Workshops, gerade auch für die Mitglieder der in Klosters spielenden Orchester und Ensembles sollen die Kontakte vertiefen helfen.
Das Festival 2026, das vom 31. Juli bis zum 9. August stattfindet, trägt aber noch ganz die Handschrift von David Whelton. Klingende Namen wie András Schiff, Bryn Terfel oder Maurice Steger hat er eingeladen. Und er schliesst very british mit Elgars «Enigma-Variationen», gespielt von der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen unter dem Engländer Edward Gardner.
Reinmar Wagner
Das Schweizer Kulturmagazin über Klassik, Oper, Theater, Tanz