Unsere Titelgeschichte ist dem isländischen Pianisten Vikingur Olafsson gewidmet. Anlass dafür, den eigenwilligen Klangforscher zum Gespräch zu treffen, war nicht nur seine neue CD, die programmatisch um Beethovens Klaviersonate op. 109 kreist. Sondern auch seine Wahl als Kurator des neuen Klavierfestivals «Pulse» beim Lucerne Festival, das im Mai stattfinden wird. Ein Gespräch über den überwältigenden Einfluss Johann Sebastian Bachs, musikalische Geschwisterbeziehungen und die Zeitlosigkeit von klassischer Musik, das Sie hier lesen können.
Im aktuellen Heft porträtieren wir zudem das Komponisten-Duo David Krakauer und Kathleen Tagg, die zusammen das diesjährige «Mizmorim»-Kammermusikfestival in Basel eröffnen. Zu Wort kommt der Tenor Pene Pati, der nicht nur ein Konzert in Gstaad singt, sondern im April auch in der Titelrolle von Mozarts Oper «La Clemenza di Tito» am Opernhaus Zürich zu hören sein wird. In unserer Kritiken-Rundschau blicken wir zum Beispiel auf Anna Netrebko in Zürich, die gesichtslose «Salome» in Berlin oder auf die erste Opern-Inszenierung von Thom Luz. Das gesamte Inhaltsverzeichnis finden Sie hier.
Im Land der Klangfichten
Christoph Müller wird ab 2027 Intendant beim Klassik-Festival «Klosters Music». Eine seiner Ideen hat er schon vorgestellt: Ein neuer Geigen-Wettbewerb, aber nicht für Spieler sondern für Geigenbauer.
Wenn man in Klosters ankommt und nicht abzweigt Richtung Davos oder im Tunnel nach Sagliains verschwindet sondern dem Lauf der Landquart weiter folgt, dann kann man bei Monbiel Wälder finden, die ideale Eigenschaften aufweisen, um daraus klangvolle Streich- und Gitarren-Instrumente zu bauen. Es werden zwar verschiedene Holzarten für den Geigenbau verwendet, die Königin der Bäume dafür aber ist die Fichte. Und sie muss, soll daraus ein gut klingendes Instrument werden, in winterkalten, schattigen Höhenlagen oberhalb von 1000 Metern gewachsen sein. Nur dann sind ihre Jahrringe so dicht beisammen, dass sich daraus bestes Klangholz gewinnen lässt.
Die Firma Simonett in Bergün, die unter ihrer Marke «Tonewood Switzerland» zu den weltweit führenden Anbietern von Klangholz zählt, kennt die optimalen Standorte. Hier können – so denn auch der Mond noch in der richtigen Phase steht – Fichten geschlagen werden, die sich für Geigen eignen, die dem Vorbild von Stradivari gerecht werden können. Der hatte seine Hölzer zwar aus dem Trentino, aber natürlich wusste die Gilde der Cremoneser Geigenbauer um die Geheimnisse von gutem Klangholz.
Von den besonderen Fichten hinten im Tal ahnte Christoph Müller noch gar nichts, als er angefragt wurde, das Klassik-Festival «Klosters Music» nach acht Jahren unter der künstlerischen Leitung des Briten David Whelton in die Zukunft zu führen. Die Idee des neuen Klosterser Wettbewerbs entwickelte er aus der Faszination für den Bau von Streichinstrumenten, die er seit seiner Jugend teilt, wie er sagt. Und daraus einen ganz neuen Wettbewerb zu entwickeln, das erschien ihm geeignet als ein markantes Alleinstellungsmerkmal des Klassik-Festivals in Klosters.
Dabei geht es nicht – wie sonst meistens – darum, unter dem begabten Nachwuchs weitere hoffnungsvolle Geigen-Solisten und Solistinnen auszuwählen. Sondern unter den Holzhandwerkern die besten Geigenbauer oder -bauerinnen zu prämieren. Es gibt in der Schweiz seit Jahrzehnten eine Institution dafür, die Geigenbau-Schule in Brienz. Und sie ist denn auch Partnerin des neuen Wettbewerbs in Klosters, der aber weltweit für alle Talente jeglichen Alters offen steht.
Jedes Jahr soll ein besonderes Instrument als Inspirationsquelle und Modell vorgestellt werden. 2027 startet Müller mit der Guarneri del Gesù «ex Sainton». Arabella Steinbacher wird sie im Konzert vorstellen, und nach ihrem Vorbild werden die eingereichten Arbeiten konzipiert und schliesslich von einer Fachjury auch bewertet. Symposien und Workshops, gerade auch für die Mitglieder der in Klosters spielenden Orchester und Ensembles sollen die Kontakte vertiefen helfen.
Das Festival 2026, das vom 31. Juli bis zum 9. August stattfindet, trägt aber noch ganz die Handschrift von David Whelton. Klingende Namen wie András Schiff, Bryn Terfel oder Maurice Steger hat er eingeladen. Und er schliesst very british mit Elgars «Enigma-Variationen», gespielt von der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen unter dem Engländer Edward Gardner.
Reinmar Wagner
Lorenzo Viotti wird Chefdirigent am Opernhaus Zürich
Gerade brilliert er mit seinem Flair für Wiener Walzer in der «Fledermaus» von Johann Strauss (mehr dazu hier). Und jetzt hat ihn Mathias Schulz bis vorerst zum Ende seines laufenden Vertrags als neuen Generalmusikdirektor eingesetzt: Ab August 2028 übernimmt der Schweizer Dirigent Lorenzo Viotti für vorerst zwei Jahre die musikalische Leitung des Zürcher Opernorchesters und wird damit Nachfolger von Gianandrea Noseda, der seit 2021 den Stil des Hauses prägte und dabei unter anderem auch Wagners «Ring» leitete.
Lorenzo Viotti wurde 1990 in Lausanne geboren und wuchs in einer Musikerfamilie als Sohn des Dirigenten Marcello Viotti und der Geigerin Marie-Laure Viotti auf und studierte in Lyon Klavier, Gesang und Schlagzeug. Als Perkussionist spielte er in verschiedenen Orchestern, unter anderem bei den Wiener Philharmonikern. Ab 2009 liess er sich in Wien und Weimar auch als Dirigent ausbilden. Als Operndirigent hat er in Zürich schon in Massenets «Werther», der «Csárdásfürstin» von Franz Lehár und Korngolds «Die tote Stadt» zu überzeugen gewusst.
Seine Zeit als Chefdirigent der Dutch National Opera (2021–2025) war geprägt von hochgelobten Produktionen wie «Peter Grimes», der Amsterdamer Premiere von «Die Fledermaus» sowie einem dreijährigen Puccini-Zyklus in Zusammenarbeit mit Regisseur Barrie Kosky. Zuvor leitete er Produktionen an der Mailänder Scala, der Pariser Oper und der Semperoper Dresden. Im sinfonischen Bereich arbeitete er unter anderem mit dem Cleveland Orchestra, den Münchner Philharmonikern, dem Gewandhausorchester Leipzig, den Berliner Philharmonikern, der Staatskapelle Berlin oder dem Royal Concertgebouw Orchestra. Internationale Anerkennung erlangte Lorenzo Viotti durch den Gewinn mehrerer bedeutender Wettbewerbe, darunter den Nestlé Young Conductors Award bei den Salzburger Festspielen, den Dirigierwettbewerb des MDR-Sinfonieorchesters und den Internationalen Dirigierwettbewerb Cadaqués. 2017 wurde er bei den International Opera Awards als «Newcomer of the Year» ausgezeichnet.
«Mit Lorenzo Viotti kommt ein Schweizer Dirigent ans Opernhaus Zürich, der das Haus bestens kennt und international zu den prägenden Stimmen seiner Generation gehört» sagt der Intendant des Opernhauses, Matthias Schulz zu seiner Wahl. Und Viotti selbst sagte dazu: «Im Laufe der Jahre ist Zürich für mich zu einer zentralen künstlerischen Heimat geworden. Von Anfang an habe ich hier kontinuierliche Unterstützung und Inspiration erfahren. Die Musikerinnen und Musiker, die Ensembles sowie die Institution als Ganzes verkörpern eine einzigartige künstlerische Kultur, in der Musik und Menschlichkeit untrennbar miteinander verbunden sind. Dieses Haus als Generalmusikdirektor zu begleiten und auf die herausragende Arbeit von Gianandrea Noseda aufzubauen, ist für mich eine grosse Freude und ein Privileg».
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