Der Maler und das Modell

Ein Gemälde macht Karriere als Roman und Film, und jetzt erobert Jan Vermeers «Girl with a Pearl Earring» in Zürich auch die Opernbühne. Der Schweizer Komponist Stefan Wirth schrieb eine farbige Musik dazu.

© Toni Suter / Opernhaus Zürich

Ausgesprochen hübsch ist sie, die «Meisje met de parel», zweifellos sehr jung, sie trägt einfache Kleidung und einen exotischen Turban, ihre roten Lippen und runden Augen werden akzentuiert vom kunstvollen Perlen-Ohrring, die Vermeer alle drei malt, als seien es Studien zur Reflexion von Licht auf verschiedenen Oberflächen. Wir wissen nichts über sie. Der dunkle Bildhintergrund gibt nichts preis, weder über Identität noch über ihre Umgebung. Und auch der Maler, Jan Vermeer van Delft, niederländischer Barock-Meister, der kaum Portraits malte, hat keine Hinweise hinterlassen zu seinem Modell.

Das hat die amerikanische Schriftstellerin Tracy Chevalier animiert, die Geschichte einer Beziehung zwischen Maler und Modell zu erfinden und in einem 1999 erschienen Roman auszumalen. Das Buch wurde ein grosser Erfolg, und kam mit Scarlett Johannsen und Colin Firth in der Regie von Peter Webber 2003 auch auf die grosse Kino-Leinwand. Und jetzt hat es den Schweizer Pianisten und Komponisten Stefan Wirth zu seiner ersten Oper inspiriert.

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Die Saison 2022-23 am Opernhaus Zürich

Das Leitungsteam des Opernhauses Zürich © Andrin Fretz

Das Abschiedsprojekt von Intendant Andreas Homoki, Wagners «Ring» geht mit den beiden mittleren Teilen «Die Walküre» und «Siegfried» in der nächsten Saison weiter. Am Pult steht der Chefdirigent Gianandrea Noseda, mit Camilla Nylund und Klaus Florian Vogt als Brünnhilde und Siegfried zeigen sich zwei wichtige Wagner-Stimmen in neuen Rollen.

Unter den insgesamt 17 Neuproduktionen finden sich Gounods «Roméo et Juliette» mit Julie Fuchs und Benjamin Bernheim oder Donizettis «Roberto Devereux» mit Inga Kalna und Stephen Costello und Piotr Beczala debütiert als Calaf in Puccinis «Turandot». In Wiederaufnahmen sind Jonas Kaufmann, Bryn Terfel, Cecilia Bartoli oder Anja Harteros zu erleben.

Mit George Benjamins «Lessons in Love and Violence» kommt auch ein wichtiges Werk zeitgenössisches Musiktheater auf die Bühne, sekundiert von Wolfgang Rihms «Jakob Lenz». Die Barockoper ist mit «Eliogabalo» von Francesco Cavalli und Händels «Serse» vertreten. Eine Offenbach-Entdeckung ist die Opéra comique «Barkouf», die Max Hopp inszeniert.

Für den Ballettdirektor Christian Spuck ist es die letzte Saison. Seine Nachfolgerin Cathy Marston zeigt eine erste Kostprobe, weitere Choreographien von Hans van Manen, Louis Stiens oder Marcos Morau stehen im Programm.

Das Saisonprogramm: https://issuu.com/opernhauszuerich/docs/saisonbuch_22-23_low

Violetta ist Mutter

Nina Russi inszeniert Verdis «La Traviata» in St. Gallen. Die Bühne ist ein nacktes Gerüst und das Ensemble bietet teilweise begeisternden Verdi-Gesang.

Violetta (Vuvu Mpofu) mit Tochter und dem Vater ihres Geliebten (Kartal Karagedik).
Bilder © Ludwig Olah / Theater St. Gallen

Wer Verdis «Traviata» inszeniert und die Titel-Figur als moderne heutige Frau zeigen will, steht vor einem grossen Problem: Eine solche Frau würde sich niemals vom Vater ihres Geliebten überzeugen lassen, nur wegen der Familienehre auf ihre Liebe zu verzichten. Nina Russi, junge Schweizer Regisseurin, will Violetta aber genau so zeigen, und fand dafür einen ganz brauchbaren Kniff: Ihre Violetta nämlich ist eine alleinerziehende Mutter und hat eine Tochter, für die sie eine Familie braucht, weil sie schon zu Beginn der Oper weiss, dass sie bald sterben wird.

So kann man nachvollziehen, dass sie den Bitten von Vater Germont nachzugeben bereit ist, Russis Idee überzeugt. Weniger ansprechend dagegen ist ihre Inszenierung im Allgemeinen. Zwar schafft sie eine ganz nette Party für den ersten Akt, das Fest im dritten ist dann nicht mehr so berauschend – was auch daran liegen mag, dass die Probenarbeit Pandemie-bedingt sehr turbulent verlaufen sein muss und man Chorsängerinnen und -Sänger bei befreundeten Theatern ausleihen musste, teilweise sogar aus dem Ausland. Continue reading