«Nichts ist Ornament, nichts ist Show, nichts ist Überschwang, alles trifft unsere Seele»

Francesco Piemontesi über Schubert und Liszt

Francesco Piemontesi @ Camille Blake

Schuberts Klaviermusik, und insbesondere die letzten drei Sonaten, gehören zu den absoluten Lieblingswerken des Tessiner Pianisten Francesco Piemontesi. Und der überragende Klang-Magier unter den Tastenkünstlern hat wiederholt bewiesen, dass er sehr viel Persönliches darin zu sagen hat. Für sein Konzert bei der Schubertiade Schwarzenberg, die auch auf dem Programm der M&T-Leserreise am 24. Juni steht, wählte er Schuberts G-Dur-Klaviersonate D 894 und stellt sie an der Seite von Liszts musikalischen Bildern seiner Schweizer Reise, dem ersten Band seiner «Années de Pèlerinage».

Francesco Piemontesi, Sie haben einmal gesagt, die letzten drei Klaviersonaten von Franz Schubert könnten Sie jeden Tag spielen. Jetzt in Schwarzenberg steht keine der letzten drei, sondern die viertletzte in G-Dur auf dem Programm.

Also ich könnte auch die viertletzte Schubert-Sonate jeden Tag spielen! Ich habe sie in letzter Zeit auch mehrfach aufgeführt und kürzlich auch aufgenommen. Die Platte erscheint aber erst nächstes Jahr, zuerst sind jetzt die Klavierkonzerte von Brahms dran, das zweite ist erschienen, das erste kommt im Herbst.

Wie entstand Ihre besondere Beziehung zur Klaviermusik von Schubert?

Was mich eigentlich immer bei Schubert fasziniert, ist die tiefe Menschlichkeit, die in seinen Stücken steckt. Wie er immer wieder berührt mit tief empfundenen Geschichten, das ist einmalig. Nichts ist Ornament, nichts ist Show, nichts ist Überschwang, alles trifft unsere Seele, weil wir sofort davon berührt werden. Das passiert teilweise auch im Kino: Neulich habe ich wieder Filme des schwedischen Regisseurs Roy Andersson angesehen und ich finde, er erzählt auch so viele Geschichten, die mit uns und mit unserem Leben zu tun haben.

Was zeichnet Schuberts Klaviermusik für Sie besonders aus?

Ich liebe Schuberts Klang-Sprache: Wie der Klang aus dem Flügel entlockt wird, das ist fantastisch und es lässt sich auf dem modernen Klavier sehr gut realisieren, weil sich da die Möglichkeit ergibt, sehr orchestral zu arbeiten. Ich kann wirklich versuchen, Instrumente zu imitieren. Der Anfang dieser G-Dur-Sonate ist zum Beispiel in einer Weise komponiert, dass ich mir sehr gut ein Streichquartett vorstellen kann. Die Arbeit, ständig klanglich über das Instrument hinaus zu denken, das macht mein Leben so spannend, und deswegen bleibe ich sehr gerne bei diesen Werken. Diese Sonate steht oft in Pianissimo-Regionen, was mir ermöglicht viele klangliche Schattierungen und meditative Dimensionen zu suchen. Das wird beim Konzert in Basel auch ein guter Kontrast sein zu den schillernden Stücken von Franz Liszt.

Schuberts Verleger hat den ersten Satz als Fantasie betitelt. Hatte er recht?

Beides ist richtig. Wir haben schon die strenge Form der Sonate, und Schubert hat im Autograph auch explizit Sonate als Titel gewählt. Aber gleichzeitig improvisiert er und moduliert so weit, dass es schon fast wie ein Vorbote zu Schumanns Grenzen sprengender Fantasie op.17 wirkt. Und was mich auch immer fasziniert bei Schubert ist das tänzerische Element, das im vierten Satzes so facettenreich aufscheint. Und noch ein kleines Detail, das ich sehr hübsch finde: Ganz am Ende schliesst Schubert im Pianissimo mit dem gleichen Akkord, mit dem er begonnen hat. Man fühlt sich wie in einem Möbius-Band.

Es fällt auf, dass diese Sonate oft sehr unterschiedlich interpretiert wird: Manche grosse Pianisten empfinden sie als lebensbejahend und positiv, andere als melancholisch, wieder andere als Gratwanderung zwischen Leben und Tod.

Das ist gerade das Tolle bei grossen Werken, in der Musik, in der Kunst, im Film, dass die Charaktere eben nicht eindeutig sind. Es ist nie einfach nur traurig oder froh oder ekstatisch sondern oft eine Mischung aller dieser Gefühle. Für mich ist der Anfang in ein sehr helles strahlendes Licht getaucht, gleichzeitig ist die Phrase so aufgebaut, dass sie eine tiefe Traurigkeit ausstrahlt. Solche Kombinationen von Affekten macht es nicht nur spannend, sondern gibt mir auch eine grosse Freiheit. Sviatoslav Richter zum Beispiel sah komplett andere Dinge in diesem Satz, dadurch ist sein Tempo so völlig anders als meines. Soviel Freiheit zu haben, ist wunderbar, wenn man denn wirklich mit dem Material vertraut ist.

Wieviel Freiheit erlauben Sie sich im Moment des Auftritts? Oder halten Sie sich an Ihr Konzept?

Ich habe schon einen Plan, wie die innere Logik der Sätze aussieht. Das kann sich wieder ändern in fünf oder zehn Jahren. Aber im Konzert ist jeder Tag anders. Auch die Akustik kann zu ganz unterschiedlichen Anforderungen an die Tempi führen. Jeder Auftritt ist eine Reise, die mit dem ersten Ton beginnt. Aber wohin genau man geführt wird, das weiss man dann noch nicht.

Was mich jetzt noch interessieren würde: Sie sind ein grosser Film-Fan: Mit welchen Filmen würden sie die oft illustrativen Bilder der musikalischen Schweizer-Reise verbinden, die Franz Liszt im ersten Buch seiner «Années de Pèlerinage» so suggestiv entstehen lässt?

Mit ganz unterschiedlichen vielleicht, weil die Stücke ja auch recht verschieden sind. «Vallée d’Obermann» würde ich vielleicht mit den hintergründigen Werken von David Lynch verbinden: Man startet in einer alltäglichen Welt, aber dann geht es in den Untergrund und wird so negativ, dass es wirklich unfassbar weh tut. Bei den «Glocken von Genf» sehe ich die wunderbare Werke von Peter Greenaway, die so deskriptiv die Natur zeichnen, aber doch eine innere Logik haben. Der «Pastorale» entspräche etwa eine Natur-Dokumentation, vielleicht vom Schweizer Fernsehen. Mit einer gewissen Distanz und nicht zu stark persönlich empfunden: Man schaut auf die Welt, sieht die Kühe auf der Alp und die Berge und die Kuhglocken bimmeln – das ist wunderbar.

Interview: Reinmar Wagner

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