Annäherungsversuch in der Turnhalle

Emmanuelle Haïm dirigiert am Opernhaus Zürich «Scylla et Glaucus», die einzige Oper von Jean-Marie Leclair. Die Inszenierung von Claus Guth verlegt die Handlung in ein Internat.

Ein unheimlicher Amor geistert durch die Gänge dieses Internats. © Bilder: Monika Rittershaus / Opernhaus Zürich

Landschaften, Bäume und Bauern, Quellen, Meer und Sizilien. Dazu Götter- und Unterwelten, Wind und Gewitter: Leclairs Oper spielt im Freien und in der Natur. Übrig geblieben davon ist kaum etwas in der Inszenierung von Claus Guth. Irgendjemand muss im oberen Stock mal ein Fenster offen gelassen haben: Ein bisschen Herbstlaub flattert herein. Ansonsten sind die Elemente gezähmt – vordergründig jedenfalls.

Wir befinden uns im Internat, im «Lycée Jean-Marie Leclair», um genau zu sein. Die Bibliothek ist üppig ausgestattet, selbstverständlich gibt es eine Turnhalle – mens sana und so weiter. Die Lehrpersonen sorgen für Zucht und Ordnung – vordergründig jedenfalls. Denn die Triebe von jungen Menschen, ihre ersten Erfahrungen mit Liebe und Leidenschaften, die lassen sich nicht einfach so aussperren. Sie brechen sich Bahn, unwiderstehlich und machtvoll. Und selbst die Lehrerin Circé wird mit hinein gerissen in den Strudel erotischer Verwicklungen.

Zauberinnen und Rachegöttinnen, die braucht es nicht. Leclair hat sie natürlich vorgesehen, seine einzige Oper, 1746 in Paris mit mässigem Erfolg uraufgeführt, ist selbstverständlich ein barockes Bühnenspektakel. Im vierten Akt beschwört er nicht nur die Feuer des Ätna und die Mächte der Unterwelt. Für sein Zauber-Brimborium müssen sogar die Götter mitmischen. Leclairs Musik ist ungemein farbig und effektvoll, vielgestaltig und abwechslungsreich, mal überaus charmant, dann wieder hoch emotional.

Erotische Lehrer-Schüler-Verwicklungen.

Das Vorbild Lully ist auf Schritt und Tritt zu hören in dieser «Tragédie en Musique» mit raschen Rezitativen, die die Handlung voran treiben, mit kurzen Airs und vor allem mit den «Divertissements» in denen sich hübsche Chornummern und Ballettmusiken abwechseln. Und davon verschenkt wurde gar nichts in dieser Zürcher Neuproduktion: Für französische Barock-Kompetenz sorgte eine der besten Adressen für dieses Repertoire: Emmanuelle Haïm mit ihrem eigenen Ensemble «Le Concert d’Astrée».

Passend zur barocken Stilkompetenz von Emmanuelle Haïm sang in Zürich ein sehr gut aufeinander abgestimmter Ensemble mit beweglichen und stilsicheren Barockstimmen. Die Schweizer Sopranistin Chiara Skerath brillierte als Circé, und der britische Tenor Anthony Gregory nicht minder als Glaucus, aber auch Scylla und ihre Freundin Témire wurden von Elsa Benoit, respektive Gwendoline Blondeel mit tollen Sopran-Farben und hoher Barock-Kompetenz ausgestattet. Dazu kam mit der Zürcher Sing-Akademie ein hervorragend auf diese Musik eingestellter Chor.

Die Geschichte stammt aus den «Metamorphosen» von Ovid: Glaucus, ein Fischer, der durch eine wundersame Verwandlung Unsterblichkeit gewann, liebt die Nymphe Scylla. Die aber misstraut der Liebe, weil sie die damit verbundenen Leiden fürchtet. Glaucus holt Hilfe bei der Zauberin Circé. Die aber verliebt sich Hals über Kopf in den Halbgott mit blauschimmerndem Fischschwanz und will ihn für sich. Er bleibt standhaft, sie schwört Rache und vergiftet Scyllas Lieblingsquelle.

Pastellfarbener Abschlussball mit traurigem Ende.

Bei Ovid verwandelt das Gift die Nymphe in das sagenhafte Ungeheuer mit Mädchen-Antlitz und sechs gefrässigen Hunde-Köpfen am Unterleib, das zusammen mit dem Strudel Charybdis die Strasse von Messina bewacht. Auf der Opernbühne stirbt Scylla einfach, und lässt den todtraurigen Glaucus zurück. Im Lycée sorgt der Defibrillator zwar für einen kurzen Hoffnungsschimmer, aber der Abschlussball, der doch so munter und pastellfarben begonnen hat, endet im Desaster. Immerhin: Die Lehrerin Circé wird von zwei Polizisten verhaftet und abgeführt: So ganz ausgehebelt wird die bürgerliche Ordnung also nicht.

Claus Guth gewinnt aus seinem Internats-Ambiente zahlreiche gut beobachtete und gut geführte Szenen, und das nicht nur zwischen den drei Protagonisten. Immer wieder bleibt die Zeit stehen, mit Macht brechen Emotionen, ungestillte Bedürfnisse, irrationale Sehnsüchte ein in diese Welt von Zucht und Ordnung. Wo sonst in Einerkolonne marschiert wird, verhalten sich Zöglinge plötzlich sehr seltsam, verlieren den Boden und die Orientierung. Obskure Gestalten schleichen durch die Bibliothek, Amor mit seinem Bogen zum Beispiel. Und es passt gut, dass er hier ganz schön unheimlich aussieht.

Reinmar Wagner

Leclair: «Scylla et Glaucus». Opernhaus Zürich, Premiere: 27. März 2026. ML: Emmanuelle Haïm, R: Claus Guth, mit Chiara Skerath, Elsa Benoit, Anthony Gregory, Gwendoline Blondeel, Zürcher Sing-Akademie, Le Concert d’Astrée.

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