Studio

Spätbarocker Verzierungskünstler

53543_2_Tartini_0Von Giuseppe Tartini (1692–1770) kennt man heute nur die sogenannte «Teufelstriller-Sonate», die ihm laut einer Legende der Teufel selbst im Traum vorgespielt haben soll. Dabei hat der lange in Padua wirkende Geiger und Komponist 160 Violinkonzerte, 135 Violinsonaten und vieles mehr verfasst und galt zu Lebzeiten als einer der führenden Theoretiker des barocken Violinspiels. Jetzt haben Italiens Originalklang-Guru Andrea Marcon, sein Venice Baroque Orchestra und die französische Barockgeigerin Chouchane Siranossian fünf weitgehend unbekannte Violinkonzerte Tartinis ausgegraben und so eindringlich wiederbelebt, dass man sich wundert, warum diese spätbarocken Konzert-Juwelen so lange im Dunkeln darben mussten. Ihre Auswahl spiegelt auch Tartinis fast 50 Jahre währende stilistische Entwicklung, die durch seine besondere Vorliebe für spieltechnische Raffinessen wie Triller, Schnörkel, Läufe etc. geprägt war. Man staunt, mit welcher spielerischen Leichtigkeit und Anmut Siranossian Tartinis Verzierungsorgien, aber auch seine reiche musikalische Fantasie in lupenreine, fliessende Klangrede verwandelt, dabei in den langsamen Sätzen auch atmosphärischen Zauber erzeugt – so dass man sich augenblicklich zurückversetzt fühlt in das milde Kerzenlicht jener Zeit.

Attila Csampai

Giuseppe Tartini: Fünf Violinkonzerte. Chouchane Siranossian, Barockvioline; Venice Baroque Orchestra, Andrea Marcon. Alpha 596


Geigerisches Ping-Pong-Spiel

ClementEine musikalisch gewichtige Entdeckung im Umkreis von Beethoven bieten die Geigerin Mirijam Contzen und der Dirigent Reinhard Goebel: Sie haben zwei Violinkonzerte von Franz Joseph Clement ausgegraben. Das ist nicht nur bemerkenswert, weil es sich dabei um zwei bisher völlig unbekannte, aber überaus charmante und musikalisch reizvolle, für eine kundige Geigerhand auch sehr dankbare und virtuose Konzerte handelt, die zudem auch nach allen Regeln der Kunst hier vollendet interpretiert werden. Sondern auch, weil dieser Wiener Geigenvirtuose ein enger Freund Beethovens war, insbesondere auch der Widmungsträger von dessen berühmtem Violinkonzert – die launische Widmung «per clemenza per Clement» ist in Erinnerung geblieben. Aber die musikalische Verzahnung zwischen Beethovens Konzert und den beiden Werken von Clement geht viel weiter: Deutlich hörbar haben sie sich gegenseitig beeinflusst. Das erste Konzert von Clement von 1805 lieferte Beethoven nicht nur zahlreiche Inspirationen für sein wenig später vollendetes einziges Violinkonzert, sondern animierte ihn auch zu deutlichen musikalischen Kommentaren und manchmal augenzwinkernden Anspielungen. Eine Vorlage, die der Kollege Clement bereitwillig aufnahm und in seinem zweiten Konzert wiederum mit gleicher Münze zurückzahlte – aber es auf Augenhöhe auch schaffte, neue Ideen einzubringen, die Beethoven wiederum hätten herausforden können. Kompositorisches Ping-Pong-Spiel unter Kollegen sozusagen – schade dass Beethoven sich nie zu einer musikalischen Antwort aufraffen konnte.

Reinmar Wagner

Franz Clement: Violinkonzerte Nr. 1&2. Mirijam Contzen (Violine), WDR Sinfonieorchester Köln, Reinhard Goebel.
Sony  19075929632


Staunenswert, ausgefeilt und tieflotend

3. paderewskiAls Gewinnerin des Ersten Preises sowie des Mozart-Preises beim Concours Géza Anda 2018 kam Claire Huangci in die Schlagzeilen des Musikfeuilletons. Kein Zweifel, die knapp 30-jährige Pianistin verdient Aufmerksamkeit. Denn ihre Pianistik ist ebenso staunenswert ausgefeilt und tieflotend wie ihr stilistisches Empfinden. Auf ihrer neuen Einspielung wartet sie gar mit einer Überraschung auf: mit dem Klavierkonzert op. 17 von Paderewski. Musik, die weitab von nur hohlem Geklingel ist; Musik also, die durchaus Substanz hat – wenn man sie denn zu meistern vermag. Claire Huangci greift in die Vollen, spart nicht mit virtuosem Zugriff – als würde sie mit der Pranke Paderewskis spielen. Das begleitende Orchester lässt sich von so viel Temperament hörbar inspirieren und spielt mit bemerkenswertem Engagement. Besonders schön im zweiten Satz die kammermusikalischen Solostellen mit Klavier, Violine und Cello – das erinnert von ferne an den zweiten Satz von Tschaikowskys zweitem Klavierkonzert. Aber auch Rachmaninow steckt in Paderewskis Musik – und zuweilen ein Anklang an Mozart. Das erste Chopin-Konzert hat es da schwieriger: Zu erdrückend ist die Konkurrenz, vor allem auch, was die Orchesterbegleitung anbelangt, die hier doch etwas gar pauschal und wenig klangsensibel ausfällt. Aber Claire Huangci zeigt sich auch hier auf der Höhe ihrer Interpretationskunst und präsentiert insgesamt einen betont feinfühligen Chopin

Werner Pfister

Paderewski: Klavierkonzert a-Moll op. 17; Chopin: Klavierkonzert Nr. 1 e-Moll. Claire Huangci (Klavier), Deutsche Radio Philharmonie Saarbrücken Kaiserslautern, Shiyeon Sung.
Berlin Classics 0301096


Clara Schumann im Konzert

1. Madame SchumannVor 200 Jahren wurde Clara Schumann in Leipzig geboren; ihr Vater, ein perfekter Klavierpädagoge, bildete sie früh zum Wunderkind aus. Sicher war es beides, das Wunder und das Kind, das Robert Schumann, ebenfalls Klavierschüler bei Claras Vater Friedrich Wieck, für das Mädchen einnahm. Aber es sollte Jahre dauern, bis er sie – letztlich gegenüber dem künftigen Schwiegervater gerichtlich erzwungen – zur Frau nahmen konnte. Sie blieb, als Klaviervirtuosin ersten Ranges, in der tonangebenden Gesellschaft berühmter als ihr komponierender Gatte, der sich oft hintangestellt fühlte und seinen Trost im Alkohol suchte. Die vorliegende Doppel-CD lässt zwei originale Konzertprogramme von Clara Schumann noch einmal aufleben. Im ersten hört man Roberts Klavierquintett op. 47 an der Seite von Claras Klaviertrio op. 17 – und staunt dann doch: grossartige Musik, raumgreifende Romantik und ein virtuoser Clara-Klavierpart. Die zweite CD lässt ihren letzten Klavierabend in England wieder aufleben. Beethovens Waldstein-Sonate, Scarlatti, Gluck (in einer Bearbeitung von Brahms, ihrem lebenslangen jüngeren Verehrer) – und wie es in damaliger Zeit üblich war, wird zwischen den einzelnen Werken mit Modulationen und Improvisationen ein «nahtloser Übergang» geschafft. Das alles zeugt vom historisch orientierten Bewusstsein dieser CD-Veröffentlichung, die uns noch einmal in die Welt Claras eintauchen lässt, selbstredend auf heutigen Instrumenten.

Werner Pfister

«Madame Schumann»: 2 originale Konzertprogramme von Clara Schumann. Ragna Schirmer (Klavier), Kammermusiker.

Berlin Classics 0301194BC


Nicht zu toppen

2. OttensamerDass Andreas Ottensamer ein absolutes Ausnahmetalent unter den bedeutenden Klarinettisten ist, hat sich längst herumgesprochen. Und was immer für Musik er sich vornimmt, scheint er mit seinen ungemein subtilen, weich melancholischen Klarinettentönen gleichsam in Gold zu verwandeln. Auch diesmal auf seinem neuesten Album «Blue Hour». Das ist einerseits der Glücksfall, das f-Moll-Klarinettenkonzert von Weber mit «seinem» Orchester, den Berliner Philharmonikern, wo Ottensamer seit Jahren als Solokarinettist mitwirkt, aufführen zu können, und das erst noch unter der Leitung von Mariss Jansons. Der Live-Mitschnitt zeigt es: Hier wird Weber-Romantik in Reinkultur zelebriert. Es hiesse, Eulen nach Athen zu tragen, würde man die ungewöhnliche technische Souveränität Ottensamers ein weiteres Mal loben. Verblüffend ist sie dennoch. Und verblüffend sind andererseits auch die Stücke, die er mit Yuja Wang am Flügel eingespielt (und zum grössten Teil auch selbst für sein Instrument bearbeitet) hat: Lieder ohne Worte von Mendelssohn sowie dessen extrem schwieriges Grand Duo concertant. Die beiden musizieren das derart eindringlich, dass man sich gar nicht nach den Originalfassungen für Klavier zurücksehnt. Indes, der eigentliche Höhepunkt – allerdings ein sehr stiller, abgeklärter, fast resignativer – findet am Anfang des Albums statt mit dem A-Dur-Intermezzo op. 118/2 von Brahms. Man kann sich kaum satthören, so wunderbar weich abgeschattet, edel und vornehm klingt das.

Werner Pfister

«Blue Hour», Andreas Ottensamer (Karinette), Yuja Wang (Klavier), Berliner Philharmoniker, Mariss Jansons. DG 4836069


Reizvolle Fülle an Details

3149sstephanieWir kennen sie als versierte, agile Barocksängerin – und sie ist nach wie vor eine Stütze in den Ensembles von Christie, Haïm oder Minkowski, aber die französische Mezzosopranistin Stéphanie d’Oustrac hat unterdessen auch im romantischen Repertoire Fuss gefasst, und das spektakulär als Carmen oder Cassandra in Berlioz‘ «Les Troyens». Das Berlioz-Jahr animierte sie nun für ihre erste Aufnahme bei Harmonia Mundi dessen Liederzylus «Les Nuits d’été» einzuspielen, nicht in den bekannten Orchesterfassungen, sondern mit Pascal Jourdan als Pianisten. Fast scheint es, als wollten die beiden bewusst ihre intime Besetzung noch akzentuieren: Alles Orchestrale wird vermieden, das Klavier verschwindet manchmal beinahe, und auch die Sängerin durchbricht die Melodielinien gerne mit unerwarteten Akzenten, dynamischen und stimmlichen Kontrasten, deutlichen Farbschattierungen oder sprachlichen Betonungs-Finessen. Insgesamt eine Fülle an reizvollen Details, die bisweilen allerdings ein wenig manieriert wirken können. Dasselbe Bild zeigt sich in Wagners «Wesendonck-Liedern», wobei die deutsche Sprache bemerkenswerterweise keine grosse Klippe darstellt für die Sängerin aus Rennes. Interessant ihre Auswahl an Liedern von Franz Liszt, die man seltener hört, und die d’Oustrac hier mit viel dramatischem Pathos auflädt, sich bisweilen aber auch eher unschöne stimmliche Schärfen zuschulden kommen lässt.

Reinmar Wagner

Tonbeispiele:

Berlioz: Les Nuits d’été, Villanelle

Liszt: Es war ein König in Thule

Wagner: Wesendonck-Lieder, Der Engel 

Berlioz: «Les Nuits d’été», «La Mort d’Ophélie», Wagner: «Wesendonck-Lieder», Lieder von Liszt. Stéphanie d’Oustrac (Mezzosopran), Pascal Jourdan (Klavier). Harmonia Mundi 902621


Windumtoste Italienreise

3. Berlioz Roth KopieDa muss man doch gleich zweimal hinhören: Ein Bariton in den «Nuits d’été» von Berlioz? Dabei haben Stéphane Degout und François-Xavier Roth das Recht der Historie auf ihrer Seite: Berlioz schrieb seinen Liederzyklus keineswegs ausdrücklich für Mezzosopran, wie wir das heute gewohnt sind zu hören, sondern für verschiedene Stimmlagen. Also kann sich auch ein Bariton mit gutem Gewissen darin versuchen. Degout beweist durchaus Geschmack und stimmliche Agilität in diesen sechs lyrischen Stimmungsbildern, sein Timbre allerdings ist vor allem in den dynamisch stärkeren Passagen manchmal etwas rau, und sein Gesang wirkt dadurch draufgängerischer als man das gewohnt ist. Aber von Gewohnheiten sollte man eh absehen bei dieser Einspielung. Fançois-Xavier Roth und sein französisches Orchester «Les Siècles» sind einer deutlich historisierenden Musizierweise verpflichtet, demonstrierten schon in den Orchesterwerken Ravels, wie aufregend sie klingen können, und beweisen es bei Berlioz erneut. Tabea Zimmermann, die sich mit Wachheit und Neugier auf diese Klangfarben einlässt, zeigt ihrerseits mitreissend, wie differenziert und vielseitig das Bratschensolo in «Harold en Italie» klingen kann. Dass Berlioz so etwas für Paganini geschrieben hat, versteht man immer noch nicht, aber dieser naturnahen, lebensfrohen, windumtosten Italien-Reise hört man umso lieber zu. Ein Interview mit François-Xavier Roth erscheint in der nächsten Ausgabe von «Musik & Theater».

Reinmar Wagner

Berlioz: «Harold en Italie», «Les Nuits d’Été». Tabea Zimmermann (Viola), Stéphane Degout (Bariton), Les Siècles, François-Xavier Roth. Harmonia Mundi 902 634


Die nackte Wahrheit

2. Schubert

Keine Frage, dass Schuberts letzte drei Klaviersonaten, die er zwei Monate vor seinem Tod vollendete, zu den Gipfelwerken der Gattung zählen: Aber nur wenige Pianisten vermochten deren unglaubliche innovative Substanz und das Ausmass des Tragischen überzeugend umzusetzen, da die meisten, unter dem Eindruck von Schuberts äusseren Lebensumständen, das Fiebrig-Kränkelnde, Depressiv-Verhangene und die lähmende Todesnähe in den Vordergrund rückten. Auch der heute 58jährige Alexander Lonquich unterstreicht im Booklet-Text seiner neuen, schlackenlos klaren Einspielung der Trias deren «betont erzählerischen Charakter» und deutet sie als «fortlaufende Geschichte eines einzigen Romans», und dennoch durchleuchtet er ihre strukturelle Komplexität, ihre harmonischen Kühnheiten und emotionalen Abgründe mit Beethovenscher Rigorosität und einer dem Kompositionsprozess folgenden nackten Klarheit und Stringenz, die diese letzten Arbeiten als Manifeste visionärer Modernität und einer mit neuen Inhalten gefüllten Wahrhaftigkeit ausweisen: Lonquichs faszinierende Anschlagskultur, sein perfektes, flexibles timing, seine schlackenlose Prägnanz und sein dramatisch geschärfter, stets plausibler Erzählstrom enthüllen die tiefe Trost- und Ausweglosigkeit dieser Werke in ungeschützter, entblösster Klarheit und verweigern entschieden jede Spur von falscher Gefühligkeit: Das ist fesselnd und erschütternd zugleich.

Attila Csampai

Schubert: Klaviersonaten D 958, 959, 960; Drei Klavierstücke D 946. Alexander Lonquich, (Klavier). Alpha 430 (2 CD)


Trifonov at his best

4. TrifonovDarauf haben die Fans von Daniil Trifonov sehnlichst gewartet: dass er sich den Klavierkonzerten Rachmaninows annehmen würde. Nun liegen die Nummern 2 und 4 vor, dazu eine von Rachmaninow erstellte dreisätzige Suite aus Bachs Soloviolin-Partita in E-Dur – dies übrigens ein besonderes Schmuckstück dieser CD. Die beiden Klavierkonzerte geht Trifonov alles andere als pauschal an. Im zweiten betont er den eher klassischen Zuschnitt des Werks. Lyrische Kantilenen – und davon gibt es viele – spielt er mit wunderbar sensibler Klangfantasie aus, und das Philadelphia Orchestra unter der kongenialen Leitung von Yannick Nézet-Séguin tut es vor allem in den vielen Violin- und Cello-Kantilenen ebenso hinreissend, aber nie schwülstig oder aufdringlich. Herrlich auch das sozusagen tief in die Musik versunkene Zwiegespräch zwischen dem Klavier und einzelnen Bläsersolisten. Hier wird evident, wie perfekt Dirigent und Pianist miteinander harmonieren. Im vierten Klavierkonzert werden andere Töne angeschlagen – modernere, manchmal gar mit den Jazz liebäugelnde. Gelegenheit zum Schwelgen gibt es hier nicht mehr so üppig, dafür aber kann Trifonov seine fingerflinke Virtuosität mit wahrlich akkordischem Aplomb ins beste Licht rücken. Und auch das Orchester scheint hier ganz besonders in seinem Element zu sein. Fazit: Wir warten sehnlichst auf die Klavierkonzerte Nr. 1 und 3.

Werner Pfister

Rachmaninow: Klavierkonzerte Nr. 2 & Nr. 4, Suite aus Bachs BWV 1006. Daniil Trifonov (Klavier), Philadelphia Orchestra, Yannick Nézet-Séguin. DG 00288 483 5335


Farbiges Musikmärchen

1_Schoeck«Manntje, Manntje, Timpe Te, Buttje, Buttje in der See» – auf plattdeutsch vertonte Othmar Schoeck die Märchenparabel «Vom Fischer un syner Fru». Er schrieb diese dramatische Kantate («Operchen» nannte Schoeck das Werk selber liebevoll) 1928–1930 mit grosszügiger Unterstützung des Winterthurer Musikmäzens Werner Reinhart. Die Uraufführung kam 1930 in Dresden zustande, aber schon im Jahr darauf erklang das Werk auch in Winterthur. Naheliegend also, dass das Musikkollegium das Stück in seine Programme aufnahm, und naheliegend auch, als Dirigenten Mario Venzago zu engagieren, der sich mit dem Werk von Othmar Schoeck schon lange und intensiv beschäftigt – kürzlich in Bern etwa auch die Oper «Das Schloss Dürande» vom Stigma der Nazi-Ideologie zu befreien versuchte. Das Grimm-Märchen ist in dieser Hinsicht unverdächtig, aber es ist überaus beeindruckend, zu hören, wie Schoeck mit dem Orchester zaubert, wie er impressionistische Farben für die Meeres- und Sturmstimmungen entfaltet, wie er expressive Klänge für das übersinnliche Fischwesen findet, wie er psychologisch interessant die Emotionen des Fischerpaars schildert, von der zunehmenden Beklemmung des Mannes und der kurzen Freude der beiden über die immer prächtigeren Häuser und Titel bis hin zur gierigen Unzufriedenheit der Frau, die ihren Mann immer von Neuem ans Meer schickt, um noch mehr zu verlangen, bis am Ende bekanntlich die beiden wieder in ihrer armseligen Hütte hocken. Venzago und die Winterthurer Musiker erzählen das alles mit viel klanglicher Raffinesse, und mit Rachel Harnisch füllt zudem eine wunderbare Sängerin die Rolle dieser Frau bis in alle Facetten, während Jürg Dürmüller nicht minder überzeugend den Fischer singt und beim profunden Bass von Jordan Shanahan der Butt ebenfalls bestens aufgehoben ist.

Reinmar Wagner

Schoeck: «Vom Fischer un syner Fru». Rachel Harnisch, Jürg Dürmüller, Jordan Shanahan, Winterthurer Musikkollegium, Mario Venzago. Claves 50-1815.


Empfindsamer Engelsgesang

Kaum ein Geiger von Rang liess Mendelssohns Violinkonzert links liegen: 3760014194108Die Diskographie quillt schier über, und ist gespickt mit zeitlosen Referenzen wie Heifetz, Milstein und anderen. Und trotzdem gelingt es jungen Interpreten immer wieder, dieses Gipfelwerk der Genres neu zu beleben, ihm neue Facetten abzugewinnen. Wie jetzt der exzellenten französischen Geigerin Chouchane Siranossian, die dieses reife Opus Mendelssohns nun in der seltenen Erstfassung von 1844 und «historisch orientiert» eingespielt hat, was dessen lyrischen, märchenhaft-schwebenden Grundcharakter viel deutlicher hervortreten lässt als die bisher dominierenden virtuosen Lesarten. Ihr vibratoarmes, mit Flageolets und feinen Portamenti durchsetztes Spiel wirkt auf eine sehr charmante Weise altmodisch und empfindsam, und zugleich ungemein frisch, beseelt und impulsiv, so dass sie mit dem ähnlich befreit und knackig aufspielenden Solistenkollektiv von Anima Eterna Brugge sich in wunderbar fliessende und pulsierende Dialoge verstrickt, und so das enorme dramatische und spirituelle Potenzial dieses Engelsgesangs in seiner ganzen keuschen Schönheit neu aufblühen lässt. Im anschliessenden Es-Dur-Oktett des 16jährigen Mendelssohn fügt sie sich perfekt ein in die ähnlich impulsreiche und ungemein lebendige Interaktion von sieben Topsolisten des Anima Eterna Orchesters und hebt es mit ihnen in den Rang eines frühen «sinfonischen» Meisterwerks.

Attila Csampai

In Time – Mendelssohn: Violinkonzert e-moll; Oktett Es-dur op.20. Chouchane Siranossian (Violine) Anima Eterna Brugge, Jakob Lehmann. Alpha 410


Zimerman jazzt

Ein Vergleich dieser Neueinspielung der zweiten Sinfonie Bernsteins «The Age of Anxiety» unter Sir Simon Rattle und mit Krystian Zimerman am Flügel mit Bernsteins eigener Einspielung (mit Lukas Foss) zeigt zumindest eines: dass der Komponist nicht unbedingt der ideale Interpret seiner eigenen Werke ist.

Unter Sir Simon Rattle entfaltet sich Bernsteins sinfonisches Konglomerat weit emphatischer und farbenprächtiger, was sicher auch den Berliner Philharmonikern zu verdanken ist. Jedes Detail erhält seine adäquate Ausformung, und über das heterogene Ganze vermag Rattle sogar einen grossen, stimmigen Bogen zu spannen. Krystian Zimerman spielte das Werk bereits unter Bernsteins Leitung, man darf seine Interpretation füglich als eine «aus erster Hand» bezeichnen. Und was für Hände hat Zimerman! Einmal mehr fasziniert dieser Pianist, und das auch, wenn er im fünften Satz der Sinfonie derart voll drauflos jazzt, dass es eine reine Wonne ist. Natürlich wäre Zimerman nicht Zimerman, wenn er nicht auch in dieser Musik in jedem Takt ihren künstlerischen Ernst mitbedenken würde. Und genau das ist es letztlich, was die Interpretation so spannend macht, dass man ihr gebannt zuhört und sich von Bernsteins Musik recht eigentlich vereinnahmen lässt. Was gibt es Besseres?

Werner Pfister

Bernstein: Sinfonie Nr. 2 «The Age of Anxiety». Krystian Zimerman (Klavier), Berliner Philharmoniker; Dirigent: Sir Simon Rattle. DG 483 5539


Tiefgründiger Liszt

Die zupackende Show-Geste, die schillernde Virtuosen-Pranke, das ist ganz und gar nicht die Sache des Pianisten Francesco Piemontesi. So klingt sein Liszt denn auch angenehm unaufgeregt, ernsthaft, hinterfragend und tiefgründig.

Mit viel Nuancenreichtum und hoher Anschlagkultur findet der Tessiner in den musikalischen Schweizer Bildern des reisenden Franz Liszt ungewohnt verinnerlichte und poetische Farben, aber auch klare und reflektierte Interpretationslösungen, die eine grosse Überzeugungskraft entwickeln, ganz ohne demonstrativ daher zu kommen. Selbst stürmische Naturschilderungen oder das Rieseln der Quelle verführen Piemontesi nicht zu vordergründigen Illustrationen, sondern lassen bei aller pianistischen Souveränität stets eine reflexive Dimension offen.

Er sucht nicht die musikalischen oder pianistischen Extreme, obwohl er sie auch durchaus im richtigen Moment gekonnt einzusetzen weiss, aber gerade in der bewussten Dosierung und in der zielgerichteten Genauigkeit entfalten seine Interpretationen ihre suggestive Kraft. Dasselbe gilt für die zweite der «Deux Légendes», gewidmet dem Heiligen Franz von Paola, in denen der nun deutlich ältere Abbé Liszt seinen beiden geistlichen Leitfiguren pianistisch noch persönlicher huldigt als in seinen durchaus pittoresken Postkartenbildern. Schön unaufgeregt auch, wie Bruno Monsaingeon in der beigelegten DVD Franceso Piemontesis Reise zu Liszt filmisch eingefangen hat.

Reinmar Wagner

Liszt: Années de pèlerinage, première année «Suisse», Deux Légendes Nr. 2. Francesco Piemontesi (Klavier). Orfeo C944 182 I (CD & DVD)


Ein vergessenes Genie 

Anton Zimmermann (1741-1781) stammte aus Schlesien und wurde in den 1770er Jahren zu einem der innovativsten Köpfe der Wiener Vorklassik. In Pressburg formte er die Hofkapelle des ungarischen Fürsterzbischofs Graf Batthányi zu einem der besten Orchester Europas. Fast 300 Werke sind vzimmermannon ihm überliefert, darunter 40 Sinfonien, und einige davon wurden sogar Joseph Haydn zugeschrieben. Jetzt hat einer der großen Pioniere der deutschen Originalklangszene, Werner Ehrhardt, auch dieses vergessene Genie wiederentdeckt und mit seinem 2005 gegründeten Ensemble „l’arte del mondo“ drei seiner spektakulärsten Sinfonien als Weltpremiere eingespielt.

Alle drei Arbeiten ragen wie Unikate eines geradezu rebellischen Erfindungsreichtums und wie schrille Alarmglocken einer entfesselten Sturm-und-Drang-Motorik aus dem Mainstream der höfisch-diskreten frühen Klassik, und sie lassen uns ahnen, welche unglaublichen kreativen Kräfte da in jenen Jahren des Umbruchs auch im Umfeld Haydns und Mozarts am Werk waren: Alle drei Sinfonien strotzen vor neuen Ideen, stilistischen und formalen Experimenten, und weisen auch in ihrer Dramatik und in der Vielfalt kontrastierender Tonfälle weit in die Zukunft. Bei Zimmermann erweist sich der musikalische Kontext als unberechenbar, als diskontinuierlich, und Ehrhardt und seine hochmotivierte 25köpfige Truppe legen sich energisch und lustvoll ins Zeug, um uns den revolutionären Puls dieser Musik unmittelbar erleben zu lassen: Dieses Album ist daher weit mehr als eine „Entdeckung“ , es ist eine echte Sensation.

Attila Csampai

Anton Zimmermann: Symphonien in e-moll, B-dur, c-moll. L’arte del mondo, Werner Ehrhardt. dhm/Sony 19075851632 (CD)