Diesseitiger Mahler und ein Bundesrat in Hochform

Riccardo Chailly eröffnete das Lucerne Festival mit Mahlers Siebter.

Riccardo Chailly setzte ein Werk seines verstorbenen Freundes Wolfgang Rihm vor Mahlers Siebte. © Priska Ketterer / Lucerne Festival

Neue Musik in neuen Schläuchen». Der Intendant Michael Haefliger prägte damit das Bonmot des Eröffnungsabends seines Festivals, das diesen Sommer unter dem Motto «Neugier» segelt. Denn tatsächlich prägten kunterbunte Klangschläuche das Werk der schwedischen Komponistin Lisa Streich das vom Lucerne Festival Contemporary Orchestra zur Eröffnung uraufgeführt wurde. Es geriet insgesamt ein wenig flach und flapsig, verspielt und durchaus angenehm kurz. «Reigen» nennt es die 38jährige Komponistin, und sagte, sie wolle damit das KKL zum Tanzen bringen. Das ist ihr zweifellos gelungen mit der kakophonischen Variante eines Walzers, der zunehmend dekonstruiert wird und bei dem im Raum verteilte Bläser nicht nur ihre Instrumente und die erwähnten Klangschläuche zum Klingen bringen, sondern zum Beispiel auch Mini-Harfen, die man üblicherweise als Eier-Scheiben-Schneider in der Küchenschublade hat.

Diesem munteren Auftakt folgte der traditionelle Gruss aus Bundesbern, den diesmal Beat Jans überbrachte. Und dabei den seit Jahrzehnten besten Auftritt eines Mitglied des Bundesrat-Kollegiums hinlegte: gut gelaunt, anspielungsreich, ohne anbiedernd oder verzopft und verkopft zu sein. Und fast im Vorübergehen schaffte er es auch, einen zuckersüss-feinen Seitenhieb auf die Europa-Politik seiner Kolleginnen und Kollegen unterzubringen.

Chailly und das Lucerne Festival Orchestra liessen es sich danach nicht nehmen, dem kürzlich verstorbenen Komponisten Wolfgang Rihm zu gedenken. Der Deutsche pflegte eine besondere Beziehung zu Luzern und war nach dem Tod von Pierre Boulez der Leiter der Lucerne Festival Academy, jener Forschungs- und Ausbildungs-Institution des Festivals, die sich den Spielweisen und Aufführungsbedingungen der ganz neuen Musik seit nun zwanzig Jahren verschrieben hat. Dieser Geburtstag wird im Lauf des Festivals natürlich gebührend zelebriert.

Im Eröffnungskonzert fand nun eines von Rihms meisterhaften Orchesterstücken Platz, das sich aus eigener Betroffenheit, aber auch aus Interesse am Werk von Johannes Brahms mit der Vergänglichkeit und dem Sterben auseinander setzt. Zwei Auszüge aus seinem Werk «Ernster Gesang» aus den tiefen Registern der Orchester-Instrumente, kontrastiert mit lichten Momenten der zentralen Klarinetten und dem klagenden Englischhorn: Ein intensiver und suggestiver Gesang über Verlust und Trauer.

Und dann Mahler: Seine Sinfonien bildeten schon zu Abbados Zeiten den Kern des Repertoires des Luzerner Festspielorchesters und die Interpretationen erreichten nicht selten den Status von singulären Sternstunden. Unter Chaillys Händen erhielt nun die Siebte durchaus irdischere Dimensionen. Mysterium und Geheimnis, Erhabenheit und Verklärung sind seine Sache nicht in gleichem Masse. Seine Siebte lebte denn auch vor allem von zwei Elementen, die diese Interpretation auch spannend und durchaus unvergesslich machen: Einerseits von der solistischen Brillanz und dem unbedingten Willen zur Gestaltung herausragender Höhenflüge der Orchester-Musiker, unter denen noch immer ein Handvoll von Abbado-Getreuen mitspielt – etwa der Trompeter Reinhold Friedrich, der Flötist Jacques Zoon, der Solobratschist Wolfram Christ.

Und zum anderen lebte Chaillys Mahler von der Fähigkeit des italienischen Dirigenten, eine Architektur zu formen, die dem monumentalen Werk insofern gerecht wird, als sie in jedem Moment eine klangliche Dramaturgie und die bewusste Gestaltung von formalen Abläufen anstrebt und auch erreicht. Chaillys Mahler war an diesem Abend durchaus irdisch und diesseitig. Die metaphysischen Dimensionen eines Welten-Entwurfs oder die Abgründe menschlicher Gefühls-Turbulenzen oder die grotesken Spukgestalten und überdrehten Rauschzustände haben ihn weniger interessiert. Dass die beiden «Nachtmusiken» in diesem Werk oder das zentrale Scherzo durchaus auch ihre ganz eigenen klangfarblichen Sphären erhalten könnten, dass Mahler hier auch vom Unheimlichen, vom Verborgenen, von Ängsten und Bedrohungen, aber vielleicht auch von orgiastischen Ausschweifungen erzählen könnte, das wurde in Chaillys Interpretation kaum ausformuliert.

Reinmar Wagner

Lucerne Festival. Bis 15. September. www.lucernefestival.ch

 

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