Bach 2.0 bei den Bachwochen Thun
Johann Sebastian Bach war bekanntlich niemals in der Schweiz – bis jetzt. Dank moderner Computer-Technik beehrt er die Bachwochen Thun mit seiner virtuellen Anwesenheit. Er habe gehört, dass man in Thun seine Werke spielen wolle, lässt er das Publikum wissen. Und eigentlich wäre er gerne dabei.

Es ist ein Coup, den der künstlerische Leiter der Bachwochen, Vital Julian Frey präsentierte. Nicht das Programm des Thuner Festivals. Das zeigt sich ambitioniert und abwechslungsreich, aber durchaus im Rahmen der vergangenen Jahre, mit vielen guten und originellen Ideen. Zum Beispiel bringt Frey das armenische Volksinstrument Duduk mit Bach zusammen. Und er hat es geschafft, zwei der allerbesten Barock-Ensembles nach Thun einzuladen, «La Cetra» aus Basel und «La Scintilla» aus Zürich. Die ersten spielen am 30. August zur Eröffnung die vier Orchester-Suiten, die zweiten führen zum Abschluss am 8. September zusammen mit dem Schweizer Jugendchor zwei Kantaten und eine Motette auf.
Vital Freys Coup hat wenig mit dem konkreten Konzertprogramm des diesjährigen Festivals zu tun. Sondern es ist ein Eye-Catcher. Und damit meine ich nicht das von Philipp Schaerer gestaltete Plakat, das sich bei genauerem Hinsehen als wahres Labyrinth aus Notenschlüsseln, Pausen und weiteren graphischen Musik-Chiffren entpuppt. Was Frey präsentierte, ist nichts als ein Foto – aber es ist ein originales Foto von Johann Sebastian Bach.
Natürlich gab es Dunkelkammern und belichtbare Platten noch längst nicht zu Bachs Lebenszeiten. Genau genommen kennen wir bloss genau ein gesichertes Portrait des Thomaskantors. Es entstand 1746, wurde gemalt vom Leipziger Ratsmaler Elias Gottlob Haussmann und zeigt Bach in dunkler Weste und mit der damals üblichen Perücke als 60jährigen Mann. In der Hand hält er das Manuskript seines sechsstimmigen Tripel-Kanons BWV 1076, der auch als «Rätselkanon» bekannt wurde, und verweist damit auf eine seiner herausragendste Fähigkeit als Komponist, auf seine Meisterschaft im Kontrapunkt. Nicht ohne Grund: Anlass für das Gemälde war die Aufnahme Bachs in die 1738 gegründete «Correspondierende Societät der musikalischen Wissenschaften» zu deren Regeln auch gehörte, ein Portrait einzureichen, das die musikwissenschaftliche Bedeutung des Mitglieds möglichst unterstreicht.

Aber Vital Frey suchte einen Weg, von diesem sehr bekannten, und damit auch ein wenig verstaubten Bild wegzukommen. Er hat dieses Portrait, respektive seine besser erhaltene Kopie von 1748, als Ausgangspunkt genommen, um mit heutigen technischen Mitteln ein fotorealistisches Bild von Bach zu erschaffen und ihn sogar in einem Video auftreten zu lassen. Die Motivation dahinter sei, Bach nicht nur den Barock-Freaks näher zu bringen, wie Frey sagt, sondern ihn lebensnaher zu machen für jeden Menschen, auch wenn er bisher kaum mit Bachs Musik in Berührung gekommen ist.
Künstliche Intelligenz und avancierte Graphik-Programme erlauben heute Bildbearbeitungen, die kaum noch als Fälschungen erkennbar sind. Sogenannte «Deepfakes» sind vor allem von Stars und Sternchen sehr beliebt geworden, aber man hat solche Methoden auch schon gerne benutzt, um Bilder mit politischen Botschaften zu manipulieren. Manipulation liegt Frey natürlich fern, aber ihn faszinierte die Idee, ein möglichst realistisches Foto des Thomaskantors zu kreieren.
Also machte er sich auf die Suche nach Spezialisten für solche Computer-Arbeiten und fand im fernen Teheran den Künstler Hadi Karimi, der sich einen Namen gemacht hat mit möglichst fotorealistischen Bildern nach alten Gemälden und als einer der besten für solche Aufgaben gilt. Das Resultat ist frappierend: Dreidimensional, plastisch, detailliert bis in kleinste Haut-Verfärbungen tritt der 60jährige Thomaskantor als Mensch aus Fleisch und Blut vor unsere Augen, mit naturgetreuen Lichtreflexen im Gesicht präsentiert sich der Bach 2.0 in Karimis Arbeit.
Dieses neue Bach-Portrait aber war Vital Frey noch lange nicht genug. Er wollte ihn nicht nur als naturalistisches Foto anschauen, sondern ihn auch in einem Video lebendig werden lassen. Dafür braucht es als Ausgangslage mehr als ein Portrait aus dem 18. Jahrhundert. Zum Beispiel einen Schauspieler, der in etwa die Statur von Bach als gestandener Mann mitbringt. Der aber vor allem auch noch die Sprache beherrscht, die Bach ungefähr gesprochen haben könnte. Geboren wurde er bekanntlich in Eisenach in Thüringen in eine Familie, die in dieser Gegend schon über Generationen gelebt hat.

Also suchte man nach einem Schauspieler aus jenen Landen, und fand ihn in der Gestalt von Christoph Müller. Er stammt aus Dresden, steht aktuell im Ensemble des Schauspiels Leipzig, war schon während seiner Studien im Berliner Ensemble tätig, spielte in Wien, Düsseldorf oder Hannover und ist bei uns vor allem für seine acht Jahre am Theater Basel (1998-2006) bekannt. Vital Frey schrieb für ihn einen Bach-Text, in dem sich der Komponist zwar freut, dass bei den fernen Eidgenossen seine Werke aufgeführt werden sollen. Eigentlich wäre er gerne dabei, aber er scheut die lange und beschwerliche Reise.
Zusammen mit dem Regisseur Andreas Graf und der Filmproduktions-Firma Epic Lab suchte man nach einem Raum, der ungefähr dem Arbeitszimmer Bachs an der Leipziger Thomas-Schule entsprechen könnte und fand ihn im Turmzimmer des Schlosses Holligen bei Bern. Als Ausgangspunkt für den Video-Clip wählte Frey nicht nur den Produktions-Stress des dauernd komponierenden Thomaskantors sondern auch exakt jene Szene, in der er dem Hofmaler Haussmann für das berühmte Gemälde Modell stehen muss.
So entstand ein vergnüglicher dreieinhalb-minütiger Clip, in dem Bach ungeduldig darauf wartet, dass der Maler endlich sein Bild vollendet, sich genervt an seine unfertige Arbeit setzt und dann doch abschweift und darüber sinniert, dass am Thunersee seine Musik gespielt werden soll. Zwar ist ihm die Reise zu weit und beschwerlich, aber er möchte doch gerne erfahren, wie in Thun seine Kompositionen denn ankommen. Und so empfiehlt er denn dem Publikum, sich doch selbst auf den Weg zu machen, zuzuhören und ihm doch bitte zu berichten, wie es denn heraus gekommen sei. Eine Handy-Nummer hat er zwar noch nicht, aber eine E-Mail-Adresse (jsbach@bachwochen.ch)
Im Kasten und geschnitten war das Video. Und dann übernahmen wieder die 3D-Deepfake-Künstler das Szepter und stülpten dem Gesicht von Christoph Müller die errechneten Werte des digitalen Johann Sebastian Bach über. Verantwortlich dafür ist der indische VFX-Profi Mubin Khan. Das Ergebnis kann man seit dem 19. August sehen:
Reinmar Wagner
Bachwochen Thun, 25. August bis 8. September

