Monster, Feuerwerke und Wasserballette
Ein Wurf! Philipp Stölzl, der bereits mit «Rigoletto» die Bregenzer Seebühne gemeistert hatte, machte Webers «Freischütz» zum filmischen Fantasy-Spektakel.

Da bleibt selbst Samiel kurz die Spucke weg, diesem gewieften Strippenzieher der Bregenzer See-Inszenierung. Sonst ist er ja eher so ein Grottengeist, der in der Wolfsschlucht sein Unwesen treibt und die in Ruhe lässt, die sich nicht zu ihm verirren. Aber in Philipp Stölzls Neufassung wird die Partie enorm aufgewertet: Von Beginn weg bis zum finalen Schlussbouquet hält Samiel die Schicksalsfäden dieser gebeutelten Dorfgemeinschaft in den Händen, und spielt – in Gestalt des Schauspielers Moritz von Treuenfels – virtuos, witzig und mit viel diabolischer Lust den Conferencier.
Aber eben, auch dieser mephistophelische Klabautermann erlebt so seine Überraschungen. Nicht verwunderlich, sind es die Frauen, die dafür verantwortlich sind: Agathe ist schwanger, Ännchen ist ihr in lesbischer Liebe verbunden, die beiden planen heimlich, die ganze Dorfmisere hinter sich zu lassen und abzuhauen. Geht natürlich gar nicht! Wie soll der Triumph des Bösen – der einem Deus ex machina sei Dank bekanntlich zum Triumph des Guten wird, was in Stölzls Fassung wiederum nicht so ganz eindeutig ausfällt – wie soll der «Freischütz» denn enden, wenn Agathe sich über den Bodensee in die Schweiz abgesetzt hat?
Samiel kann’s richten, und der «Freischütz» geht in den mehr oder weniger bekannten Bahnen auch auf der Bodenseebühne weiter. Wäre auch schade gewesen um den «Jägerchor», der mit seiner Ohrwurm-Qualität in der ziemlich stark zurecht gestutzten Partitur zu einem musikalischen Höhepunkt wird. Und Stölzl lässt nichts anbrennen: Über die ganzen zwei Stunden arrangiert er ein Feuerwerk an szenischen Aktionen, von denen alle mitzukriegen praktisch ein Ding der Unmöglichkeit ist: Auf der riesigen Bühne schnurrt die permanente Überforderung ab.
Ein hübsches Dorf hat er sich als sein wie üblich eigener Bühnenbildner hingebaut. Das hat bestimmt auch gute Zeiten erlebt, aber dann kamen Krieg und es kam das Wasser. Die Gebäude stehen schief, alles ist ein grosser Sumpf, in dem niemand vom zahlreichen Personal nicht mindestens einmal nass wird. Es ist Winter, alles ist kalt und tot, bloss die Dorfkneipe entfaltet ein wenig lichterfüllte Fröhlichkeit. Holländische Winterbilder haben hier Pate gestanden, nicht der Deutsche Wald, und neben Pieter Breughel hat deutlich auch Hieronymus Bosch in Stölzls Horrorkabinett seine Spuren hinterlassen.
Wer fürchtet, in diesem szenischen Spektakel käme die Musik Webers unter die Räder, liegt nicht falsch. Allerdings schafft es die Inszenierung, in den grossen (gekürzten) Opernmomenten die Konzentration auf die wichtigen Figuren zu lenken. Zum anderen steht mit Enrique Mazzola ein Dirigent am Pult der Wiener Symphoniker, der schon in der Ouvertüre klar macht, dass er nicht gewillt ist, zweite Geige zu spielen. Wir kennen den Italiener bisher hauptsächlich als Belcanto-Könner, aber er beweist in dieser romantischen Partitur, dass er dieses Genre ebenso schlüssig, lebendig und souverän mit rhythmischer Energie und suggestiver Klanglichkeit aufzuladen in der Lage ist.
Es gab noch ordentliche Wackler und Pannen an der Premiere, die sich bestimmt bald ausbügeln lassen. Auch unter den Sängern der ersten Besetzung waren bestimmt nicht alle zufrieden. Vor allem Nikola Hillebrand als Agathe – mit einer sehr fokussierten und strahlend kräftigen Stimme – leistete sich ein paar intonatorische und rhythmische Irrfahrten Zum lyrischen Lichtblick hingegen avancierte der Tenor Mauro Peter, der mit seiner wunderbar warmen und geschmeidigen Stimme sowie seiner überragenden Sprachgestaltung den Max in seiner ganzen hilflosen Verzweiflung lebendig werden liess.
Reinmar Wagner
Vorstellungen bis 18. August 2024 und wieder im Sommer 2025
