Starkes Symbol für die Ungerechtigkeiten unserer Welt
Zum zweiten Mal macht Milo Rau Oper: Am Grand Théâtre de Genève kam «Justice» zur Uraufführung. Wie fast immer beim Schweizer Theatermacher erhalten dabei Menschen eine Stimme, denen man sonst nie zuhört.

Er ist immer noch da, der Tanklastwagen. Er liegt auf den Rücken wie ein totes Tier, streckt die schweren Räder gegen den Himmel. Ein Mahnmal, weniger real, als präsent in den Köpfen der Menschen in diesem afrikanischen Dorf. Davor hat man Tische aufgestellt. Man feiert die Eröffnung einer Schule. Grund zur Freude eigentlich, aber die Erinnerung überlagert die Gegenwart. Fünf Jahre ist es her, seit jenem Februartag im Jahr 2019, als ein mit Schwefelsäure beladener Lastwagen am Markttag im Dorf Kabwe die Kontrolle verliert und in die Menge fährt. 21 Menschen sterben, zahlreiche weitere erleiden schwere Verletzungen und Verätzungen.
Wir sehen gleich zu Beginn in quälender Gnadenlosigkeit die Handy-Videos, die von Dorfbewohnern gleich nach dem Unfall gefilmt wurden: Leichen, abgetrennte Gliedmassen, Kleider-Fetzen, auslaufende Säure – und überall die Beine der achtlos herumstolpernden Filmenden. Die Schuldfrage ist schnell geklärt: Verantwortlich ist allein der Chauffeur. Dass er im Auftrag einer Mine unterwegs war, wo man Schwefelsäure benötigt, um Rohstoffe wie Kupfer oder Kobalt aus dem Gestein zu lösen, fällt unter den Tisch. Die Mine gehört zum Imperium des Schweizer Rohstoff-Riesen «Glencore». Aber es kommt keinem von den nahen und fernen Managern in den Sinn, zu helfen, Not zu lindern, Verantwortung zu übernehmen. Glencore schiebt die Verantwortung an den Transport-Subunternehmer ab.
Eine Justiz, die den Konzern verantwortlich machen könnte, existiert praktisch nicht im Süden Kongos: Kinshasa ist 1300 Kilometer weit weg, und mit Geld und Einfluss lassen sich Prozesse nach Belieben in die Länge ziehen oder gleich ganz verhindern. Am Tag der Genfer Premiere wurde ein Crowdfunding in Angriff genommen um nicht nur den Opfern jenes Unfalls zu helfen, sondern auch die sie vertretenden Anwälte zu unterstützen. Zwei von ihnen waren während der Pressekonferenz zugeschaltet und erzählten von den Steinen, die ihnen eine schwerfällige und manchmal korrupte Justiz und die Vertreter des «Glencore»-Konzerns in den Weg legen. Und in der Schweizer Politik wurde bekanntlich 2020 die «Konzernverantwortungs-Initiative» zwar vom Volk angenommen, wegen des Ständemehrs aber schliesslich abgelehnt.

Die Schweiz ist eine der grössten Marktplätze für den weltweiten Rohstoff-Handel. Aber auch von hier aus gab es keine Hilfe für die betroffenen Menschen im Süden Kongos. Bis Milo Rau ihnen eine Stimme gibt. Zusammen mit den kongolesischen Autor Fiston Mwanza Mujila hat er ein Musiktheater-Szenario entworfen und dabei auch den katalanischen Komponisten Hèctor Parra und den Dirigenten Titus Engel von Anfang an mit involviert. Der Autor Mujila selber beginnt mit dem Erzählen, und nach und nach treten die anderen hinzu: die Opfer, der Chauffeur (hier eine Frau), ein Advokat, ein Priester, auch der Direktor und seine Frau. Sie stellen sich schlicht und einfach an die Rampe und singen über ihre Gefühle und Erinnerungen.
Der Kongo ist vertrautes Terrain für Milo Rau: 2015 hat er ein symbolisches Tribunal entworfen, das die Massaker und Gräueltaten im kongolesischen Bürgerkrieg mit Millionen von Toten thematisiert. Katastrophen, Ungerechtigkeiten, Umweltskandale und Machtmissbräuche in (post-)kolonialistischen Kontexten sind seit vielen Jahren die Lieblingsthemen des Schweizer Regisseurs und Filmemachers. Was ihn dabei auszeichnet, ist der Blick nicht von aussen und von oben, sondern von den Menschen aus, denen Leid und Ungerechtigkeit widerfahren ist.
Es geht ihm dabei weniger um das Dokumentieren von Gräueltaten, als um die Mechanismen von Macht und Einfluss. Wie Behörden und Justiz mit den Menschen und Geschehnissen umgehen, interessiert ihn. Manchmal stellt er Gerichtsverhandlungen nach, wie sie tatsächlich ablaufen könnten. In seinen «Zürcher Prozessen» liess er zum Beispiel unter realen Umständen eine Jury über den publizistischen Kurs der «Weltwoche» urteilen. Die letzten Tage des rumänischen Diktators Ceausescu zeichnete er ebenso nach wie die verqueren Gedanken des norwegischen Nazi-Terroristen Breivik. Mit «Hate Radio» traf Milo Rau den Nerv des Publikums, indem er nichts anderes tat, als Schauspieler die unsäglichen Botschaften eines Huti-Propaganda-Senders während des Völkermords in Ruanda nachsprechen zu lassen.
In «Justice» aber geht es weniger um Justiz und ihre Formen der Rechtsfindung. Diesmal ist es mehr als ein Tribunal, mehr als eine Anklage gegen Macht und Verbrechen, gegen Reichtum und Ignoranz. Zwar gibt es die Anklage, und sie ist unüberhörbar. Aber weniger als das demonstratives Anprangern von Ungerechtigkeit ist sie diesmal eine Form der Erinnerung und der Verarbeitung. Und sie vermischt sich mit vielfältigen Emotionen, die umso authentischer werden, als zahlreiche Menschen aus diesem Teil Afrikas mit auf der Bühne stehen, vom Jazz-Gitarristen Kojack Kossakamvwe über den Countertenor Serge Kakudji bis zu einigen Direktbetroffenen.
Und es gibt Bilder, nicht nur vom Unfall. Rau und sein Team haben im letzten Jahr die Gegend besucht: Natürlich fahren immer noch mit Säure beladene Lastwagen durch diese Strassen. Wir sehen eindrückliche Bilder vom riesigen Krater, den die Mine in den Boden gefressen hat. Aber sonst: Afrikanischer Alltag, mit Menschen, die wissen, was hier geschah, die ihre ganz eigenen Erinnerungen haben, aber sicher nicht ständig daran denken.
Es war Milo Raus erklärte Absicht, diesen Unfall im Herzen Afrikas zu einem Symbol zu machen für Ungerechtigkeiten überall auf der Welt. Und exakt das ist ihm und seinem Team gelungen. Dabei helfen nicht nur die Texte von Mujila, die mit lakonischer Unaufgeregtheit von afrikanischen Lebensrealitäten erzählen und mühelos auch spirituelle Gedankenwelten einfliessen lassen, sondern gerade auch die sehr dichte und in gewissen Momenten unglaublich schöne Musik von Hèctor Parra.
Sie spielt nicht mit den Klängen und Rhythmen Afrikas, sondern verschmelzt sie buchstäblich bis zur Unkenntlichkeit im Geflecht einer sehr vielschichtigen und farbigen zeitgenössischen Orchestersprache, über der vergleichsweise schlicht die Gesangslinien der Menschen stehen, die mit wenig Gesten und ohne weitere Regie-Hilfsmittel einfach nur von sich erzählen und mit ihrer Authentizität direkt in unsere Herzen treffen.
Reinmar Wagner
