«Maestro» – ein Leonard Bernstein-Film

Zuerst war da eine Nase, die für Zündstoff sorgte: Bradley Cooper trug eine Nasen-Prothese um Leonard Bernstein, der nun wirklich eine markante Nase besass, möglichst echt zu verkörpern. Aber unselige Juden-Klischees in Erinnerung protestierten jüdische Menschen gegen dieses erneute Anfachen böser Karikatur-Zerrbilder. Andere fanden, es gäbe genügend jüdische Schauspieler, die in diese Rolle gepasst hätten, unnötig, dass Cooper als Nichtjude dafür berücksichtigt wurde: Blackfacing ohne Schminke… Und weil sich der vielbeschäftigte Steven Spielberg von der Regie zurück zog, kam Cooper nach seinem Regie-Debüt in «A Star is Born» auch noch als Regisseur zum Handkuss.
Er spielt die Rolle glaubwürdig und kompetent, das Musik-Phänomen Bernstein aber bleibt unterbelichtet. «Maestro» erweist sich als eher unpassender Titel: Dieses Ehren-Etikett für wirklich prägende Dirigenten hat sich Bernstein zweifelsfrei in seinem realen Leben mehr als verdient. Im Film aber wird kaum deutlich, welche suggestive Kraft sein Dirigat besessen haben muss. Natürlich ist es nicht einfach, einen Dirigenten beim Dirigieren zu spielen, aber Bradley Cooper kriegt diesen Teil seiner Aufgabe eigentlich sehr gut hin. Was fehlt, ist die Einordnung, der Blick von aussen auf das Phänomen Bernstein.
Und fast ganz beiseite lässt der Film das Charisma, das Bernstein als Lehrer und besonders als Vermittler klassischer Musik an ein wenig affines Publikum hatte. Und auch der Komponist bleibt weitgehend im Dunkeln. Wenn der Film-Bernstein dirigiert, erklingt meistens Mahler – was natürlich passt – aber wer die Musik nicht kennt, könnte auf den Gedanken kommen, dass hier Original-Bernstein erklingt, was wiederum dem nicht gerecht wird, was er abseits seiner auch gerne gepflegten Musical-Karriere als Komponist für die Musiklandschaft Amerikas etwa in Werken wie seine Sinfonien oder die «Chichester Psalms» geleistet hat.
Zeitweise ist «Maestro» eher ein Film über Familie und Freunde und vor allem über die Ehefrau, was deswegen nicht uninteressant ist, und filmisch auch gekonnt umgesetzt wird. Aber der geniale Musik-Vermittler Bernstein, der leidenschaftliche Dirigent, der charismatische Komponist, tritt dabei eher in den Hintergrund, und seine Lebensgeschichte kreist zunehmend um die Beziehung zu seiner Frau, der Schauspielerin Felicia Montealegre Cohn, die von Carey Mulligan hinreissend gespielt wird, und um seine nie abreissenden homosexuellen Affären, von der sie weiss, aber sonst möglichst niemand erfahren soll.
Reinmar Wagner
Seit Dezember in den Kinos, seit 20.12. auf Netflix
