Amerikanische Träume und politische Albträume

Mit amerikanischer Musik von Gershwin und Ives wurde das diesjährige Lucerne Festival eröffnet. Riccardo Chailly dirigierte das engagiert aufspielende Lucerne Festival Orchestra mit viel Gefühl und Lust am Rhythmischen.

Das Eröffnungskonzert mit dem Lucerne Festival Orchestra wurde auch wieder auf das Inseli am See vor dem KKL übertragen. © Andreas Becker

Er ist schon eine Wundertüte dieser Charles Ives. Er gilt er als eigenwilliger Einzelgänger und Enfant terrible mit Background als erfolgreicher Versicherungs-Agent, was auch die Redenschreiber von Bundespräsident Guy Parmelin beeindruckte. Viele seiner Werke gehorchen keinen Konventionen, unterlaufen Erwartungen, spielen virtuos mit musikalischen Versatzstücken, provozieren Ratlosigkeit oder lassen schlicht Befremden zurück.

Und dann wählt Riccardo Chailly aus diesem Oeuvre für das Eröffnungskonzert des Lucerne Festivals ein Werk, das nichts von all diesen Charakteristika einlöst: die erste Sinfonie von Charles Ives entstand grösstenteils 1898 als Abschlussarbeit an der Yale University unter den Augen von Professor Horatio Parker. Das ist vor allem den ersten beiden Sätzen stark anzuhören. Phasenweise klingen sie wie eine Kreuzung aus Franck, Bruckner und Dvořák, zahlreiche Passagen könnten auch als charmante Streicherserenade durchgehen. Kratzbürstigkeiten finden sich darin nicht, in Werkkommentaren wird von Polyrhythmik und Polytonalität geschrieben, aber selbst im avanciertesten dritten Satz, einem quirligen Scherzo, werden sie kaum als Stilmittel spürbar. Und im Finale kriegt das Ganze einen kräftigen Schuss «Meistersinger» als höchstes der Gefühle.

Riccardo Chailly, Chefdirigent des LFO, bei der Eröffnung am Donnerstag. © Patrick Hürlimann

«American Dreams» ist das Motto des Lucerne Festivals im ersten Amtsjahr des neuen Intendanten Sebastian Nordmann. Es stehen auf seinen Spielplänen viele Werke aus der Neuen Welt, manche von ihnen bei uns kaum bekannt. So weit so verdienstvoll. Dass Chailly von Ives diese erste Lehrlings-Sinfonie auswählte, ist an sich nicht verkehrt – würde man denn eine Ahnung haben von den anderen drei Sinfonien des Versicherungs-Unternehmers. Hat man aber nicht. Es ist, als würde man Bruckners Nullte oder Beethovens Zweite dem Publikum als Modelle für die Sinfonik der beiden Komponisten vorstellen. Haken wir’s ab als Aufforderung, diesen Komponisten vielleicht doch näher kennen zu lernen. Das Festival-Orchester jedenfalls liess sich engagiert wie immer auf Chaillys Vorgaben ein, und dieser zelebrierte die durchaus bezwingende Melodik in dieser Sinfonie mit viel Gefühl.

Näher an dem, was wir als «amerikanisch» wahrnehmen, war die erste Konzerthälfte. Schon Steve Reichs «New York Counterpoint», arrangiert für elf Klarinetten, war in seinen Minimal-Music-Patterns typisch für diese spezielle amerikanische Spielart des Komponierens, wo sich das analytische Hören verabschiedet und dem sinnlichen Sog der vielfältig verschachtelten repetierten Muster Platz macht. Ganz im Amerika der Latin-Rhythmen und des Jazz waren wir dann in der Musik von George Gershwin, bei seiner «Cuban Overture» und beim Concerto in F, welches Frank Dupree, der 34jährige in Rastatt geborene Pianist, mit akkuratem Feeling für das Perkussive, aber auch mit Klangsinn und perlenden Girlanden beeindruckend souverän ausstaffierte.

Noch mehr Auslauf erhielten alle in Bernsteins «West Side Story»-Mambo, und eine ganz persönliche Note brachten die Blechbläser ein, indem sie ihren früh verstorbenen Tuba-Kollegen Thomas Keller mit der «Fanfare for the Common Man» von Aaron Copland ehrten. Im traditionellen Grusswort des Bundesrates erzählte Guy Parmelin gut gelaunt von seinen eigenen amerikanischen (Alb)-Träumen, als er nicht nur seine inzwischen legendäre Variante der MAGA-Mütze ins Spiel brachte, sondern zum Festival-Thema «American Dreams» seine eigene musikalische Zollverhandlungs-Assoziation entwickelte: Ein Strauss-Walzer – ein Schritt vorwärts, einer zurück, Drehen im Kreis…

Bis am 13. September dauert das Lucerne Festival. Mit Jörg Widmann hat die Festival Academy einen neuen Leiter, der sich mit dem Contemporary Orchestra am Sonntag in Wolfgang Rihms «Tutuguri»-Musik ausgiebig und lautstark vorstellen wird. Anne-Sophie Mutter feiert in mehreren Konzerten ihr 50. Bühnenjubiläum, Augustin Hadellich ist Artiste Etoile und spielt unter anderem das Violinkonzert von Samuel Barber. Mark Andre ist Gastkomponist, und wie immer präsentiert sich das Lucerne Festival als Laufsteg der grossen Orchester mit ihren Chefdirigenten und vielen der renommiertesten Solisten an ihrer Seite.

Reinmar Wagner

http://www.lucernefestival.ch

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