Blumen für Violetta, nasse Füsse für alle

Damiano Michieletto erhielt von der neuen Direktorin Lilli Paasikivi den Auftrag, Verdis «Traviata» für ihre erste Seebühnen-Produktion zu inszenieren. Er tat, was er schon immer gut konnte: Schöne Bilder schaffen.

Violettas Spiegel als markantes Bühnenbild © Bilder: Anja Koehler

Zuerst aber, da gilt es zu erzählen von einer Stimme: Die finnische Sopranistin Marjukka Tepponen , auf dem Paasikivi-Radar schon zu Zeiten ihrer Intendanz am Opernhaus in Helsinki, durfte von den drei Violettas, denen diesen Sommer Seebühnen-Format zugetraut wird, die Premiere singen. Es war eine Demonstration, was man vokal mit dieser Partie anstellen kann. Natürlich – Verstärkung sei Dank. Aber mit Mikrofon zu singen, diese Erfahrung machen viele in Bregenz, hat einzig zum Unterschied, dass man nicht ständig daran denkt, ob man wohl über das Orchester hinweg kommt.

Am Singen selbst ändert sich wenig, und Tepponen zog alle Register: Was sie in jeder Phrase mit dieser Partie anstellte, war schlicht hinreissend, berückend einfallsreich, sängerisch jederzeit souverän und in jedem Moment von einer unmittelbar nachvollziehbaren Schlüssigkeit. Da blieb auch für den Dirigenten Kirill Karabits das Unterstützen als edelste Aufgabe: Er setzte Akzente und Impulse, und konzentrierte sich weitgehend auf Koordination und eine aufmerksame Dynamik – nicht die schlechteste Haltung für diese Verdi-Oper.

 

20er-Jahre-Pool-Party im Bodensee

Man war dankbar für diese musikalische Meisterschaft. Denn szenisch blieben trotz viel Aufwand etliche Leerstellen. Das Bühnenbild von Paolo Fantin hat sich ikonisch schon als Chiffre eingebrannt, aber Violettas Spiegel trägt dann doch nicht über die ganze Opernlänge. Seine Scherben bilden hübsche Eisberg-Inseln im Bodensee und schaffen Nähe zum Publikum. Trockenen Fusses kommt natürlich niemand dahin, was uns jedoch rasch zunehmend kälter lässt als die sicher recht angenehmen Temperaturen im Klima-geplagten Gewässer, das als Pool-Party-Location vorerst beste Figur macht.

Doch auch Scherben können schön sein, das zeigt Michieletto mit grenzenloser Ausdauer. Schon das von hinten beleuchtete Splitterwerk hat seinen Reiz. Man kann ein Spinnennetz interpretieren, wenn man will – bloss wer wäre die Spinne? Etwa Vater Germont, der mit Koffer, Hut und Mantel wie die Inkarnation von Rechtschaffenheit und Moral unerbittlich und unbeirrt durchs Wasser stapft? Violetta ist ihm egal: «Umarme mich wie eine Tochter», singt sie im Moment ihres Verzichts – der vielleicht rührendste Satz in diesem Libretto. Nicht für den Giorgio, wie ihn Michieletto sieht. Keinen Funken Mitleid gewährt er Violetta. Und Vladimir Stoyanov ist sein stimmgewaltiger Prophet: Mit Stilsicherheit und Autorität meisselt der bulgarische Bariton seine Linien in den Bregenzer Nachthimmel, satt in den Farben, präzis in der Gestik.

Eine gigantische schwarze Kugel symbolisiert Violettas Krankheit.

Die Spiegelscherben natürlich, sie eignen sie sich auch als Projektionsflächen für Videos: Violetta im Bad, Violetta beim Arzt, Violetta verkauft ihren Schmuck. Manche Splitter lassen sich herunterklappen und zeigen etwa Alfredos hoffnungsfroh pink-gestrichene Land-Idylle, weit oben über dem Wasser. So singt Julien Behr auch aus seinem Wolkenkuckucksheim: Etwas distanziert und nicht immer ganz trittsicher in den Tenorhöhen. Alle ausser ihm aber wissen es natürlich längst besser: da ist der schwarze Fleck auf Violettas Lunge. Er ist auch auf ihrem Kleid. Er ist eigentlich kein Geheimnis, und sie selbst ist die letzte, die sich darüber Illusionen macht. Im doppelten Sinn die letzte: Ganz am Ende, da wo sich ihre Liebes-Utopie tatsächlich doch noch erfüllen könnte – da erst will sie wirklich leben.

Michielettos stärkste Chiffre steht diese Lebenswunsch entgegen, und sie wird zum mutigsten Beitrag zur Rezeptionsgeschichte dieser Oper: Nicht das gewonnene Geld schmeisst Alfredo ihr an die Brust, nicht dass er sie als Kurtisane denunziert und als Frau entwürdigt, ist der Skandal an Floras Party. Er zeigt den Feiernden ihre Krankheit, indem er ihr das prächtige Gewand entreisst und auf dem weissen Unterhemd den hässlichen schwarzen Fleck für alle kenntlich macht.

Sterben, umgeben von Blumen.

Dafür fand Michieletto ein packendes Bild: Mitten aus dem zerborstenen Spiegel wächst ein Monstrum. Erst sieht es fast aus wie eine dunkle Blüte, dann wird daraus ein hässliches Geschwür und eine gigantische schwarze Kugel bricht sich Bahn. Sie zerteilt – Hydraulik-gestützt – das ganze Bühnenbild. Man erwartet eigentlich, dass das Ungetüm Violetta buchstäblich zermalmt oder ins Wasser des Bodensees drängt.

Aber das wäre einem Ästheten wie Michieletto dann doch viel zu brutal. Stattdessen überhöht er Violettas Ende: Zu Dutzenden spriessen Blumen aus dem Boden und sogar aus dem Wasser. Nicht bloss ihre Kamelien – ein Blumenmeer in allen Farben und Formen umblüht Violettas Ende. So schön ist die «Traviata» noch selten gestorben!

Reinmar Wagner

Verdi: «La Traviata». Bregenzer Festspiele, bis 23. August. Wechselnde Besetzungen.http://www.bregenzerfestspiele.com

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