Jordi Savall, der Sohn des Abendsterns
Der Gambist und Dirigent Jordi Savall, der fast 20 Jahre in Basel wirkte, erhielt den Ernst von Siemens-Musikpreis, dotiert mit 250’000 Euro.

Diesen Preis wird Jordi Savall bestimmt nicht zurück geben. Das hat er schon einmal gemacht, der katalanische Musiker: 2014 wurde ihm der Premio Nacional der spanischen Regierung verliehen. Aber Savall verweigerte die Annahme, und warf den Ministern Inkompetenz und Desinteresse am Erbe der spanischen Kulturgeschichte vor. Er hat viele Auszeichnungen erhalten in den mittlerweile über 50 Jahren seiner grossen Musiker-Laufbahn, darunter auch einen Ehrendoktor der Universität Basel. Der Ernst von Siemens-Musikpreis ist mit Sicherheit die höchst dotierte Auszeichnung unter ihnen. Er wird wegen der Höhe des Preisgelds auch gerne als «Nobelpreis der Musik» bezeichnet.
Seit 1974 wird die an den Industriellen und Kunstmäzen Ernst von Siemens erinnernde Auszeichnung vergeben. Bisherige Preisträger waren vor allem zeitgenössische Komponisten wie Britten, Stockhausen, Heinz Holliger oder Beat Furrer, oder dann Interpreten, die sich um die Neue Musik verdient gemacht haben, aber auch etwa Karajan, Anne-Sophie Mutter, Rostropowitsch oder Simon Rattle. Jordi Savall kommt aus der Alten Musik und hat auf diesem Feld sehr viel bewegt, die Bewegung der historischen Instrumente voran getrieben, unermüdlich geforscht und Musik aus vielen Weltgegenden dem Vergessen entrissen und in Masstab setzenden Interpretationen zugänglich gemacht.
Sein Blick war immer sehr weit, in die Neue Welt gerichtet zum Beispiel, oder über den Mittelmeerraum hinaus in arabische und persische Kulturkreise. Und er war oft überrascht über unerwartete Gemeinsamkeiten: «Wir haben schon Musik aus Spanien gespielt, und dann in Griechenland dieselben Melodien bei den Volksmusikanten gefunden. Im Mittelalter gab es Verbindungen über alle Kulturgrenzen hinweg bis nach Nordafrika und Indien, und teilweise wird diese Musik noch heute gesungen.»
1998 hat Savall sein eigenes CD-Label gegründet – «Alia Vox», die andere Stimme – und dort inzwischen weit über 200 Produktionen veröffentlicht. Manche davon wahre Schätze an Entdeckungen: Dicke Bücher vollgepfropft mit Informationen zur Bedeutung und Kulturgeschichte der eingespielten Musik. Oft Überraschende Entdeckungsreisen mit unerwarteten Beziehungen zwischen Kulturlandschaften, denen man kaum Verbindungen zugetraut hätte.
Konsequent und ausdauernd
Diesmal wird er nicht streiten, Jordi Savall. Er nimmt den Siemens-Musikpreis als Anerkennung für sein umfangreiches Lebenswerk und auch für seine pädagogische Arbeit: «Es ist eine grosse Freude, auch weil dieser Preis für ein hohes Mass an Qualität steht.» Ein aufbrausender Charakter ist er ohnehin nicht. Nur ein konsequenter, hartnäckiger und ausdauernder. Wenn er spricht, wägt er die Worte sorgfältig ab, und das liegt nicht an der deutschen Sprache, die er sehr gut beherrscht. Schliesslich prägte er eine Ära in Basel an der Kaderschmiede für Alte Musik, Schola Cantorum, wo er zuerst als Student beim Gamben-Pionier August Wenzinger und dann als Professor während fast 20 Jahren selber zum wichtigsten Lehrer für dieses Instrument wurde.
Die Gambe ist nicht einfach ein Vorläufer des Cellos, sondern eine eigenständige Instrumenten-Familie der Streichinstrumente mit allen Mitgliedern vom tiefen Bass bis zu den Sopran-Lagen. Tatsächlich begann Jordi Savall als Cellist, seine Neugier für die Musik von Bach und davor brachte ihn dann zur Gambe. Ein markanter Karriere-Höhepunkt mit grosser Ausstrahlung weit über die Szene der Alten Musik hinaus war 1991 der Film «Tous les Matins du Monde» («Die siebente Saite»), der von der Rivalität der beiden Gamben-Virtuosen Sainte-Colombe und Marin Marais erzählte. Gérard Dépardieu spielte den alten Marais, die Töne dafür, die kamen von Jordi Savall.
Musik von Strassen und Plätzen
Seine musikalische Heimat ist breit: Ob tausendjährige persische Manuskripte, die Lieder von Kolumbus‘ Matrosen, die er auf den Kanaren ausgrub, oder auch mal ein Mozart-Requiem: Jordi Savall ist in all diesen Welten zuhause. 1974 gründete Savall mit gleichgesinnten Musikern aus dem Umfeld der Basler Schola Cantorum «Hespèrion XX» – ab 2000 konsequenterweise «Hespèrion XXI», die Söhne und Töchter des Abendsterns – denn nach ihm, «Hesperio», sind sie benannt, was wiederum eine Chiffre für die iberische Halbinsel, das westliche Ende der damaligen Welt ist. Nicht nur die musikalischen Überlieferungen an Fürstenhöfen und Bischofskirchen interessierten sie: «Da sind prächtige Werke entstanden, die wir natürlich gerne erforscht und gespielt haben. Aber wir wollten auch wissen, wie die Musik des Volks getönt hat, welche Lieder gesungen wurden, welche Tänze auf den Festen gespielt wurden, was die Pilger auf dem Jakobsweg für Musik gehört haben.»
Seine 2011 verstorbene Ehefrau Montserrat Figueras war treibende Kraft an Savalls Seite. Später kam «Le Concret des Nations» für grössere Besetzungen bis ins romantische Repertoire hinzu, das Vokalensemble «La Capella Reial de Catalunya» wurde zur eingeschworenen Gemeinschaft mit seinem Leiter. Keiner klagte, wenn in eiskalten Kirchen bis in die Morgenstunden an einer Einspielung gefeilt wurde.
Friedens-Konzert
Am Pfingstsamstag wurde der Siemens-Musikpreis in München verliehen. Natürlich im Rahmen eines festlichen Konzerts. Jordi Savall hat das Programm konsequent als Friedensbotschaft formuliert: Da erklingt die Messe «Da Pacem» von Josquin Desprez aus dem 15. Jahrhundert oder ein Psalm vom jüdischen Barockkomponisten Salomone Rossi, neben Schütz und Dowland stehen auch Stücke von Arvo Pärt oder ein Gebet aus Südafrika. Musik könne zwar nicht aus eigener Kraft Kriege beenden, sagt er dazu: «Aber sie kann Frieden in unseren Herzen stiften. Und sie kann uns helfen, sensibler zu werden und Empathie aufzubringen für Menschen, die Opfer von Kriegen geworden sind.»
Das Preisgeld will Jordi Savall einsetzen zur Förderung von Konzertprogrammen, die nicht mit grossen bekannten Namen die Konzertsäle füllen: «Die Wiederentdeckung alter Musik ist auch heute in Gefahr, weil die Ensembles, die sich um dieses Repertoire kümmern, viel zu wenig Subventionen bekommen.»
Reinmar Wagner
Essay zu Jordi Savall auf der Webseite des Siemens-Musikpreises: https://evs-musikstiftung.ch
Neuste Cds:
Bach: Johannespassion. Alia Vox 2025
«The Punckes Delight»: Englische Musik für Gambe solo. Alia Vox 2024
