Musik & Theater 9-10.2025 ist erschienen

Dem schwedischen Ausnahme-Klarinettisten Martin Fröst unsere Titelgeschichte gewidmet. Er ist in diesen Herbstmonaten gleich mit mehreren Auftritten in der Schweiz zu erleben. Beim Zürcher Tonhalle-Orchester, wo er bereits während der Saison 2019/20 als «Fokus-Künstler» Akzente setzte, stellt er im Oktober das spektakuläre, für ihn geschriebene Konzert «Weathering» der britischen Komponistin Anna Clyne vor, und eine Tournee als Dirigent und Solist mit dem Schwedischen Kammerorchester im Rahmen der Migros-Kulturprozent-Classics führt ihn im November mit einem experimentellen Projekt um Beethovens Siebte Sinfonie in mehrere Städte der Deutschschweiz wie der Romandie. 

Wir trafen Martin Fröst in Berlin zum Gespräch und unterhielten uns mit ihm über diese Projekte und Programme – sowie über seine Experimente mit klassischen Konzertformaten und seine Beziehung zum Dirigieren. Das Gespräch können Sie hier lesen.

Darüber hinaus finden Sie in unserer Herbst-Nummer einen Nachruf zu Claus Peymann, ein Portrait des Schweizer Tenors Rolf Romei oder einen vielfältigen Rückblick auf die Sommer-Festivals in Bayreuth, Salzburg, Bregenz, Ernen, Aix-en-Provence oder München. Das gesamte Inhaltsvderzeichnis der Ausgabe 9-10.2025 finden Sie hier.

Eine neue Markus-Passion bei den Bachwochen Thun

Wir wissen, dass Bach fünf Passionsvertonungen komponiert hat, von denen aber nur zwei vollständig erhalten sind. Von einer «Markus-Passion» immerhin gibt es das gedruckte Libretto, was schon eine ganze Reihe von Künstlern animiert hat, eine Musik dazu vorzulegen. Bei den Bachwochen Thun unternimmt nun der australische Komponist Gordon Hamilton den jüngsten Versuch einer solchen Rekonstruktion.

Gordon Hamilton © Susanne Diesner

«Das passiert nur einmal im Leben», sagt der in Berlin lebende Komponist Gordon Hamilton zu dieser Gelegenheit, eine Passionsvertung zu schreiben. Er sei ein Bach-Jünger, sagt der australische Komponist, der in Berlin lebt: «Die Musik von Bach fasziniert mich seit langem, und ebenso begeistert bin ich vom Klang der historischen Instrumente. Entsprechend inspiriert war ich, als ich gehört habe, dass wir mit dem Orchester «La Cetra» genaus diese Instrumente zur Verfügung haben werden. Da habe ich mir gesagt: Es passiert nur einmal im Leben, dass ein Komponist so eine Gelegenheit erhält, für die Instrumente von Bachs Welt ein Werk im Geiste von Bach zu schreiben.»

Die ganze Geschichte lesen Sie hier

Wieder ein Mahler-Ereignis in Luzern

Das Festival Orchester und Riccardo Chailly eröffnete mit Mahlers zehnter Sinfonie in der Fassung von Deryck Cooke das Lucerne Festival.

Volle Konzentration für Mahlers unvollendete zehnte Sinfonie © Manuela Jans / Lucerne Festival

Was für ein Auftritt! Es erinnerte an die besten Zeiten der legendären Aufführungen der Sinfonien Gustav Mahler durch Claudio Abbado, was das Luzerner Festspielorchester am Freitag in den Saal des Luzerner KKL zauberte. Frisch, aufmerksam, auf höchstem technischem Niveau wie eh und je, vor allem aber mit dem unbedingten Willen zum kollektiven Gelingen tauchte der exklusiv für dieses Festival zusammengestellte Klangkörper in die letzte, unvollendete Mahler-Sinfonie ein.

Nur das gross angelegte Eingangs-Adagio und Teile des Scherzos «Purgatorio» hat Mahler noch fertig komponiert und instrumentiert. Aus den zahlreichen Skizzen, Hinweisen und Fragmenten hat der britische Musikwissenschaftler Deryck Cooke schon in den 1960er-Jahren eine Aufführungs-Version zusammen gestellt, die seither trotz zahlreicher weiterer Vorschläge Bestand hatte und auch in diesem Konzert ihre Tauglichkeit unter Beweis stellte.

Vom ersten weit gespannten Unisono der Bratschen bis zum lautlosen Verklingen nach 80 Minuten spannte Riccardo Chailly einen Spannungsbogen, der trotz der immensen Dimensionen stets glaubwürdig und bewegend blieb und vom Orchester mit nie nachlassender Intensität ausgefüllt wurde. Individuelle Klasse in den überaus wichtigen Solisten-Partien trug das ihre dazu bei, die Flöte von Jacques Zoon, die Trompete von Reinhold Friedrich oder die Bratschensolos von Wolfram Christ prägten schon zu Abbados Zeiten dien Klang dieses Orchesters. Dazu kamen diesmal das Solohorn von Ivo Gass, die Oboe von Lucas Macias Navarro, die Klarinette von Alessandro Carbonare und die Geigensolos von Konzertmeister Raphael Christ.

Enger Kontakt: Riccardo Chailly und Elina Garanca in Mahlers Rückert-Liedern © Manuela Jans / Lucerne Festival

Zuvor hatte Elina Garanca in Mahlers Rückert-Liedern ihren vollen, warmen, manchmal dunkel glühenden Mezzosopran aufblühen lassen, schon da sehr subtil begleitet vom Lucerne Festival Orchestra und einem sehr präsenten Riccardo Chailly. Ein Kammer-Ensemble eröffnete das Programm mit «Mémoriale» von Pierre Boulez, einem Stück über sein an Strawinsky erinnerndes Melodie-Schema «explosante-fixe», das von Boulez, aber auch anderen Komponisten in verschiedenster Gestalt schon ausgestaltet worden war und in dieser Form als Konzertstück für Soloflöte vor den flirrenden Klängen von sechs Streichern und zwei Hörnern aufscheint. Ein schönes Beispiel für das Festival-Motto «Open End», mit dem Michael Haefliger nach 26 Jahren als Intendant seinen Schwanengesang für Luzern anstimmt.

Das Motto gefiel auch dem traditionell die Grüsse aus Bundesbern überbringenden Albert Rösti, der selbstironisch anmerkte, dass man als Politiker immer Open End arbeite, weil sowieso jeder Beschluss nur momentane Gültigkeit hätte und jederzeit wieder umgestossen werden könne, was ja auch ein Trost für all jene sei, die mit den Entscheiden aus dem Bundeshaus unzufrieden seien.

Das Lucerne Festival dauert noch bis am 14. September und bietet bis dann einen fast unübersehbar bunten Strauss an Konzerten und Auftritten, und das bei weitem nicht nur von grossen Sinfonieorchestern im Konzertsaal des KKL, sondern auch von Kammermusik und zeitgenössischen Programmen, oder das beliebte Format 40min, bei dem niederschwellig und kurz und gratis am grossen Konzert geschnuppert werden kann.

Dieses Jahr besonders im Fokus steht die «Ark Nova» jene mobile Konzerthalle, mit der Haefliger zusammen mit dem Konzertagenten Masahide Kajimoto, dem Stararchitekt Arata Isozaki und dem Künstler Sir Anish Kapoor 2013 nach der Katastrophe von Fukushima einen Funken Hoffnung in die verwüstete Region brachte. Sie wird auf der Luzerner Lido-Wiese vor dem Verkehrshaus aufgebaut und bietet vom 4.-14. September täglich mehrere Konzerte, bunt gemischt von Klassik, Performance, zu Jazz, Chor oder Volksmusik.

Dort hat auch Winnie Huang, die Performance-Künstlerin, die Michael Haefliger als Artiste Etoile eingeladen hat, einen ihrer Auftritte. Die Bratschistin Tabea Zimmermann, die andere Gastkünstlerin dieses Sommers spielt zum Beispiel das grossartige und ebenfalls unvollendete Bratschenkonzert von Bartók. Pierre Boulez erhält einen üppigen Schwerpunkt «Kosmos Boulez» zum 100. Geburtstag.

Reinmar Wagner

www.lucernefestival.ch