Horror hinter der Glitzer-Fassade

Kornél Mundruczó verlegt Paul Hindemiths Krimi-Oper «Cardillac» in Zürich in einen grossen Horror-Laden.

Bilder © Monika Rittershaus / Opernhaus Zürich

Wir sind da, wo teure Sachen verkauft werden, die auch dann viel kosten, wenn sie nicht besonders kostbar wären. Wir kennen das von Shopping Malls oder Flughäfen. Eine schick gekleidete Kundschaft scheint nicht besonders kauflustig, aber greift dann doch eifrig zu wie die zahlreichen Tragtaschen beweisen. Die Inszenierung hat sich einen Spass daraus gemacht, bekannte Nobelmarken gekonnt zu persiflieren. Natürlich gibt es auch einen Hochglanz-Schmuckladen hier. Sein Logo ist das grosse C, aber wir wissen, dass der Designer Cardillac heisst.

Er gilt als Superstar, er kann mit Gold umgehen, wie kein zweiter, er kreiert Kunstwerke für die man buchstäblich über Leichen geht. Das jedenfalls ist der Schickeria hier schon von Anfang an klar: Wer bei Cardillac kauft, ist meistens sehr bald tot. Was sie nicht wissen: Der Goldschmied selber steckt hinter den Morden. Er kann seine Schöpfungen nicht aus der Hand geben, jedenfalls ist es das, was E. T. A. Hoffmann uns in «Das Fräulein von Scuderi» erzählt hat.

Der Regisseur Kornél Mundruczó, der von Matthias Schulz erstmals nach Zürich geholt wurde, sieht das noch etwas anders: Bei ihm ist Cardillac ein Wrack, ein Alkoholiker, der die Nächte zusammengekrümmt auf der Toilette seines Ladens verbringt und dort seine Räusche ausschläft. Seine Tochter räumt hinter ihm her und versucht ihn zu schützen. Zusammen schaffen sie es, den Schein aufrecht zu erhalten.

Goldschmied und Tochter

Cardillac wird zur Chiffre für die Zwiespältigkeit jener 1920-er Jahre, die das Etikett «golden» erhalten haben, in gewisser Weise sicher durch Aufbruch, Befreiung und Rausch auch verdient, was sie sich aber erkauften durch Unsicherheit, Orientierungslosigkeit, Gespaltenheit – was für eine Parallele zu unseren aktuellen Zwanzigerjahren! Und so wird er zur Identifikationsfigur, dieser Cardillac. Man beginnt, ihn ein wenig zu verstehen, schon bei Hoffmann, und bei Hindemith schlägt das Verstehen sogar in eine Art Bewunderung um.

Vor genau hundert Jahren, 1926 in Dresden kam er zur Uraufführung. Hindemith erfüllte die Erwartungen an ihn als Bürgerschreck, die er sich davor redlich erworben hatte durch seine drei Kurzopern «Hoffnung, Mörder der Frauen», «Das Nusch-Nuschi» und vor allem die blasphemische «Sancta Susanna». Auch Mundrusczó macht kein Hehl aus der Faszination für die Figur, der er sich mit Empathie und Verständnis nähert. Ganz klar, dass die gezähmte und entschärfte Version für ihn nicht in Frage kam, die Hindemith 1952, inzwischen Professor für Musikwissenschaft der Universität Zürich, für das Zürcher Theater vorlegte, in der vor allem das apologetische Finale gestrichen wurde.

Und der ungarische Filmregisseur hat wenig Mühe, die hundertjährige Oper in unsere aktuelle Welt zu versetzen. Mit filmischem Realismus und viel Ausstattungs-Aufwand erzählt er handwerklich sehr gekonnt und konkret von einer konsumgeilen Society bis zum blutspritzenden Mord im gläsernen Kaufhaus-Lift. Inklusive aller Statisten und Choristen macht das Zürcher Ensemble gerne mit, und auch sängerisch bleiben keine Wünsche offen.

Anett Fritsch und Michael Laurenz als Tochter und Offizier bleiben in jedem Moment souverän, aber sie müssen sich durchaus am Riemen reissen, um das spiegelbildliche Paar aus dem ersten Akt – Dorottya Láng und Sebastian Kohlhepp – in den Schatten zu stellen. Der ungarische Bariton Gábor Bretz brilliert in der Titelrolle: Gute Textverständlichkeit, Strahlkraft, Ausdauer, durchaus auch Charisma, auch wenn es davon noch etwas mehr hätte sein dürfen, um uns diese faszinierend unheimliche Figur näher zu bringen. Und: Mundruczó ist nett zur Besetzung: Wer singt, der steht oder sitzt ganz vorn.

Das ist auch nötig. Das Zürcher Opernorchester hat einen grandiosen Abend, fast alle sind bis aufs Letzte gefordert und sie verschenken nichts an Präzision und zupackendem Biss. Für meinen Geschmack lässt sich Fabio Luisi von der rhythmischen Prägnanz der Partitur allerdings ein wenig zu sehr dazu verführen, diese Aggressivität in eine etwas pauschale Lautstärke umzusetzen. Grandios sind die Höhepunkte, die eine fast schon physische Kraft ausstrahlen, und die vom herausragend singenden Chor überaus wuchtig unterstützt werden.

Sehr selten ist Hindemith wirklich sanft in dieser Oper, auch das arbeitet Luisi mit dem Orchester schön heraus. Nur die Regionen dazwischen, die könnten manchmal weniger zupackend sein, gerade auch, weil Hindemiths Musik oft extrem nüchtern bleibt und sich bisweilen in bewusst abstrahierenden kontrapunktischen Finessen ausbreitet. Natürlich, das sind Gratwanderungen, aber eine ganz offensichtlich so gut geprobte Produktion dürfte sich da durchaus in ausgesetzte Grenzbereiche vorwagen, ohne gleich absturzgefährdet zu sein.

Reinmar Wagner

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