Im Land der Klangfichten
Christoph Müller wird ab 2027 Intendant beim Klassik-Festival «Klosters Music». Eine seiner Ideen hat er schon vorgestellt: Ein neuer Geigen-Wettbewerb, aber nicht für Spieler sondern für Geigenbauer.

Wenn man in Klosters ankommt und nicht abzweigt Richtung Davos oder im Tunnel nach Sagliains verschwindet sondern dem Lauf der Landquart weiter folgt, dann kann man bei Monbiel Wälder finden, die ideale Eigenschaften aufweisen, um daraus klangvolle Streich- und Gitarren-Instrumente zu bauen. Es werden zwar verschiedene Holzarten für den Geigenbau verwendet, die Königin der Bäume dafür aber ist die Fichte. Und sie muss, soll daraus ein gut klingendes Instrument werden, in winterkalten, schattigen Höhenlagen oberhalb von 1000 Metern gewachsen sein. Nur dann sind ihre Jahrringe so dicht beisammen, dass sich daraus bestes Klangholz gewinnen lässt.
Die Firma Simonett in Bergün, die unter ihrer Marke «Tonewood Switzerland» zu den weltweit führenden Anbietern von Klangholz zählt, kennt die optimalen Standorte. Hier können – so denn auch der Mond noch in der richtigen Phase steht – Fichten geschlagen werden, die sich für Geigen eignen, die dem Vorbild von Stradivari gerecht werden können. Der hatte seine Hölzer zwar aus dem Trentino, aber natürlich wusste die Gilde der Cremoneser Geigenbauer um die Geheimnisse von gutem Klangholz.
Von den besonderen Fichten hinten im Tal ahnte Christoph Müller noch gar nichts, als er angefragt wurde, das Klassik-Festival «Klosters Music» nach acht Jahren unter der künstlerischen Leitung des Briten David Whelton in die Zukunft zu führen. Die Idee des neuen Klosterser Wettbewerbs entwickelte er aus der Faszination für den Bau von Streichinstrumenten, die er seit seiner Jugend teilt, wie er sagt. Und daraus einen ganz neuen Wettbewerb zu entwickeln, das erschien ihm geeignet als ein markantes Alleinstellungsmerkmal des Klassik-Festivals in Klosters.
Dabei geht es nicht – wie sonst meistens – darum, unter dem begabten Nachwuchs weitere hoffnungsvolle Geigen-Solisten und Solistinnen auszuwählen. Sondern unter den Holzhandwerkern die besten Geigenbauer oder -bauerinnen zu prämieren. Es gibt in der Schweiz seit Jahrzehnten eine Institution dafür, die Geigenbau-Schule in Brienz. Und sie ist denn auch Partnerin des neuen Wettbewerbs in Klosters, der aber weltweit für alle Talente jeglichen Alters offen steht.
Jedes Jahr soll ein besonderes Instrument als Inspirationsquelle und Modell vorgestellt werden. 2027 startet Müller mit der Guarneri del Gesù «ex Sainton». Arabella Steinbacher wird sie im Konzert vorstellen, und nach ihrem Vorbild werden die eingereichten Arbeiten konzipiert und schliesslich von einer Fachjury auch bewertet. Symposien und Workshops, gerade auch für die Mitglieder der in Klosters spielenden Orchester und Ensembles sollen die Kontakte vertiefen helfen.
Das Festival 2026, das vom 31. Juli bis zum 9. August stattfindet, trägt aber noch ganz die Handschrift von David Whelton. Klingende Namen wie András Schiff, Bryn Terfel oder Maurice Steger hat er eingeladen. Und er schliesst very british mit Elgars «Enigma-Variationen», gespielt von der Deutschen Kammerphilharmonie Bremen unter dem Engländer Edward Gardner.
Reinmar Wagner
