Ukrainische Melodien in der Ark Nova
Das Lucerne Festival zieht eine zufriedene Bilanz des Sommer-Festivals 2025.

Erster Eindruck: Es fehlen Männerstimmen. Das ist nichts besonders Überraschendes in einem Amateur-Chor, mit diesem Manko, besonders was die Tenöre betrifft, kämpfen fast alle Chöre im Land. Bei einem Ensemble aber, das sich aus Geflüchteten aus der Ukraine zusammen setzt, ist dieser Umstand noch einmal ganz anders zu werten: Männer im wehrfähigen Alter dürfen die Ukraine im Kriegszustand gar nicht verlassen, so ist es nachvollziehbar, dass sie im Chor «Prostir», der sich aus geflüchteten ukrainischen Stimmen in der Schweiz zusammensetzt wird, zwangsläufig fast ganz fehlen.
Der Dirigent allerdings, der ist ein Profi: Oleksii Yatsiuk besitzt einen Master in Chorleitung von der Staatlichen Akademie Kharkiv und studiert an der Musikhochschule Luzern Dirigieren. Der eine Bass und die beiden Tenöre, die sich dennoch für den Auftritt in der Ark Nova des Lucerne Festivals frei machen konnten, taten zwar ihr bestes, aber gegen die Macht der Frauenstimmen hatten sie logischerweise wenig auszurichten.

Naheliegend, dass sie hauptsächlich ukrainische Musik sangen. Mit einem Gebet begann ihr Programm, umfasste aber ukrainische Volkslieder und Chorwerke der Komponisten ihrer Heimat. Aber dass sie in der Schweiz angekommen sind, zeigt auch die Wahl von «La Sera sper il Lag» von Gion Balzer Casanova, dem rätoromanischen Abendlied, das inzwischen nicht nur in der ganzen Schweiz, sondern quer durch die Welt als rätoromanische Hymne bekannt geworden ist. Und mit Stücken von Eric Whitacre oder Karl Jenkins oder auch Gabriel Fauré bewies der ukrainische Exil-Chor seine Klasse auch in anspruchsvoller Chorliteratur.
Nachdem ein erster Versuch, die Ark Nova zu besuchen, wegen einer Unwetterwarnung vertagt werden musste, klappte es mit dem Auftritt des Chors «Prostir». Sie ist halt auch nicht viel mehr als ein Zelt, diese Konzerthalle, die für zehn Tage als violette Skulptur auf der Luzerner Lido-Wiese stand. Wenn man die Wände berührt, dann fühlen sie sich zwar überraschend straff und solid an: Da gibt kaum etwas gummig nach. Aber das permanente Rauschen der Ventilation verrät, dass hier ständig ein Überdruck hergestellt werden muss. Ohne ihn würde das Kunstwerk langsam in sich zusammen sinken und nichts als eine leere Hülle übrig bleiben.
Das äusserliche Violett wird im Inneren in einen tiefes Lila-Rot verwandelt. Das Licht ist gedämpft, der Klang ist es auch ein wenig, aber für potente Chorstimmen war es kein Problem, diesen Raum auch akustisch zu füllen. Rund 12’000 Gäste besuchten die Konzerte und Führungen in dieser modernen Arche von den japanischen Künstlern Anish Kapoor und Arata Isozaki, die noch nie ausserhalb Japans aufgestellt worden war.
Auch sonst konnte das Lucerne Festival eine zufriedene Bilanz ziehen: 84’000 Besucher fanden den Weg an die 163 Veranstaltungen, das sind 3000 mehr als im Vorjahr. Besonders glücklich zeigte sich auch der Intendant Michael Haefliger, der nach 26 ereignisreichen Jahren an der Spitze dieses wichtigsten Schweizer Klassik-Festivals die Verantwortung an seinen Nachfolger weiter gibt.
