Traumreise in den Winter – ohne Leiermann

Anne Sofie von Otter und Christof Loy träumen am Theater Basel eine «Winterreise» zu Musik von Franz Schubert.

© Monika Rittershaus / Theater Basel

Sie beginnt zwar mit einer Hymne an die Sommernacht, aber tatsächlich, es schneit doch noch in dieser «Winterreise»: Da wo vorher ein profanes Waschbecken hing, steht jetzt vor dem Fenster der Lindenbaum im Schneegestöber. Wir sind in einem dunkel getäfelten Raum, der schon bessere Zeiten gesehen hat. Als ehemaligen Ballsaal beschreibt ihn Christof Loy, wo vielleicht manchmal Menschen an den Tischen sitzen, die Schubert noch erlebt haben mögen. Das ist vorbei, hier spielt keine Kapelle mehr auf, und wenn sich tatsächlich ein einsamer Geiger in die Szenerie verirrt, so entspringt er wohl eher den nostalgischen Sehnsüchten der Handvoll Menschen, die hier um ein Klavier herumsitzen und in Schuberts Liedern wie in fernen, fast vergessenen Erinnerungen herumtasten.

Man mag in den Aktionen der zwei Tänzerinnen, eines Tänzers und eines Schauspielers, die mit der schwedischen Mezzosopranistin auf der Bühne stehen, zu Beginn noch an ein munter drehendes Liebesbeziehungs-Karussell denken, oder auch an eine «Schubertiade», wie die sicher fröhlichen Feiern in Schuberts Künstlerkreis damals genannt wurden. Aber je weniger die Menschen über die Bühne rennen, je weniger sie mit herumstehenden Stühlen spielen, desto mehr entfalten diese Bilder ihre Poesie. Alles Konkrete verliert sich rasch, Assoziatives bricht sich Bahn, und wir merken: Diese Winterreise ist eher eine Traumreise, und wie in Träumen oft Dinge, Personen und Situationen unvermittelt nebeneinander stehen, so verlieren sich konkrete Handlungsstränge und Personenkonstellationen, sind wohl auch schon im Probenprozess zu diesem Theaterabend immer unwichtiger geworden.

Schober heisst einer noch im Programmheft, nach Schuberts dichtendem Künstlerfreund, aber am Ende ist nichts mehr übrig geblieben von dieser konkreten Figur. Das gilt für alle – «Die Kurtisane», «Der Doppelgänger» bis hin zur Hauptrolle. «Er» heisst er schlicht und einfach. Ist es der Winterreisende? Ist es Schubert selber? Diese Frage wird zunehmend unwichtig, und sogar, dass eine Frauenstimme diesen «Er» singt, hat in diesen eher düsteren, kaum mehr als um sich selber kreisenden Traumbildern bald jede Bedeutung verloren. Selbst der Gesang kommt zwischendurch abhanden, im Melodram «Abschied von der Erde», und macht Platz für intime Traumberichte, die Schubert 1822 notierte.

Man kann nicht behaupten, dass Schuberts Lieder eine Illustrierung nötig hätten, jedes einzelne – ob tatsächlich aus der «Winterreise» oder sonst ausgewählt aus den über 600 seiner Lieder – ist ein Miniaturkunstwerk mit eigener Dramaturgie und innerer Dramatik. Und man kann auch nicht behaupten, dass Christof Loy und Anne Sofie von Otter wesentlich Neues aussagen würden zu diesen mal sehr bekannten – «Lindenbaum» und «Frühlingstraum», «Die Post» oder «Nebensonnen» – mal unbekannten Liedern, so poetisch ihre Visionen auch sein mögen.

Dennoch mag man diesem Spiel der Assoziationen gerne zusehen. Und vor allem mag man zuhören: Anne Sofie von Otter war schon immer mehr als einfach eine sehr gute Opernsängerin – die in den 80er-Jahren ihre Weltkarriere übrigens im Ensemble des Theaters Basel aufgleiste. Und sie weiss sehr genau, was sie ihrer mittlerweile 66jährigen Stimme zumuten und zutrauen kann. Sparsam setzt sie die grosse Geste ein, aber sie ist noch da, wenn sie gebraucht wird. Umso aufmerksamer ist sie in den Nuancen der feinen Schattierungen des Klangs – und ganz besonders auch der Sprache.

Sie hat schon immer sehr viel zu sagen gewusst mit den Miniaturkunstwerken des Kunstlieds – sehr eindrücklich etwa in den Liedern aus Theresienstadt. Sie hat sich ebenso sensibel eingelassen auf die Stilwelten des barocken Originalklangs. Sie hat nicht nur in Operninszenierungen von Christoph Marthaler mitgespielt, sie hat es sogar verstanden, sich in diese ganz besondere Theaterfamilie einzubringen. Ebenso souverän bewegte sie sich in der Musik von Elvis Costello und Brad Mehldau, eine der noch immer schönsten Weihnachts-CDs geht auf ihr Konto, und selbst ABBA-Songs veredelte sie mit ihrem wandlungsfähigen Mezzosopran.

Mindestens so sehr aber lebt dieser Abend auch von Kristian Bezuidenhouts Spiel am Fortepiano: Meisterhaft, wie er jeweils nur mit wenigen Tönen auf seinem historischen Flügel die Atmosphäre der Lieder vorgibt, zauberhaft, wie er Solostücken, etwa einem der «Moments musicaux», mit subtilem Nuancenreichtum Leben einhaucht.

Die leeren Quinten des «Leiermanns» aber, die hörten wir nicht von ihm: Fast schon ironisch schloss der Abend nicht mit der ikonischen Rätselfigur am Ende von Schuberts «Winterreise», sondern mit dem harmlosen Gute-Nacht-Lied aus der «Schönen Müllerin» und dem eher holprig reimenden Epilog, den Wilhelm Müller, der Dichter der beiden bekanntesten Schubert-Liederzyklen, seiner «Müllerin» ans Ende stellte. Christof Loy läutet nicht nur mit sommerlichen Blütendüften eine Winterreise ein, er lässt uns auch mit Schlafliedchen sanft aufwachen aus düsteren Träumen.

Reinmar Wagner

Theater Basel, grosse Bühne, weitere Vorstellungen bis 27. Februar 2022.

Schubert Mein Traum

Wilhelm Müller Epilog zur Schönen Müllerin

MUSIK & THEATER Die Schweizer Kulturzeitschrift

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