Zum Tod von Rudolf Kelterborn
Foto: Universität Oldenburg / Schweizer Kulturpreis

Der 1931 geborene Schweizer Komponist Rudolf Kelterborn ist am 24. März im Alter von 89 Jahren in seiner Heimatstadt Basel gestorben, wie seine Familie am 7. April bekannt gab. Als Komponist, Dirigent, Pädagoge und Musikvermittler gehörte er zu den einflussreichsten Figuren der Schweizer Musikszene.

Vergleichsweise geradlinig verlief die Karriere von Rudolf Kelterborn: 1931 geboren in Basel, Matura, Studien in Dirigieren, Klavier und Komposition unter anderem bei Igor Markevich in Salzburg, vor allem aber an der Musikakademie Basel bei Walther Geiser und in Musikwissenschaft bei Jacques Handschin an der Universität Basel. Anschliessend studierte Kelterborn bei Willy Burkhard in Zürich, bei Boris Blacher in Salzburg oder bei Günter Bialas und Wolfgang Fortner in Detmold. Zweimal, in den Jahren 1956 und 1960 nahm er auch an den Darmstädter Ferienkursen teil, dem Mekka für Neue Musik in jenen Jahren.

Rudolf Kelterborn war zweifellos eine wichtige Stimme im zeitgenössischen Musikleben der Schweiz. Aber er hat auch neben seinem kompositorischen Schaffen in vielen weiteren Gebieten einen grossen Einfluss gehabt. Zum einen als wichtiger Lehrer: Schon als junger Komponist lehrte er Musiktheorie an der Musikakademie Basel, ähnliche Positionen hatte er in Detmold, Zürich und Karlsruhe inne. 1983 kehrte er nach Basel zurück, um Direktor der Musikakademie zu werden, eine Position, die er bis 1994 behielt. Wichtige, das Scheizer Musikleben prägende Komponisten wie Andrea Scartazzini, Bettina Skrzypczak, Martin Schlumpf oder Alfons Karl Zwicker gehörten zu seinen Schülern. Immer hat er sich auch kulturpolitisch engagiert, zum Beispiel als Stiftungsrat der Pro Helvetia oder im Vorstand des Schweizerischen Tonkünstler-Vereins. Weit über die Schweiz hinaus reicht sein Renommee, in die USA, nach Russland, Japan oder China wurde er für Referate, Seminare, Vorlesungen und Kurse eingeladen.

Aber das Interesse von Rudolf Kelterborn griff auch über das Akademische hinaus. So war er zum Beispiel von 1969-1974 Chefredaktor der Schweizer Musikzeitung, und von 1974 bis 1980 leitete er beim Schweizer Radio die Hauptabteilung Musik. Seit den fünfziger Jahren war Kelterborn auch als Dirigent tätig, zuerst von Amateur-Ensembles, später bei renommierten Orchestern als Gastdirigent vor allem eigener Werke, die er gerne in beziehungsreiche Kontexte stellte. In seiner Zürcher Zeit arbeitete er in der Programmkommission der Zürcher Tonhalle-Gesellschaft mit, und zusammen mit Heinz Holliger und Jürg Wyttenbach gründete er 1986 das Basler Musik Forum, in dessen Konzerte er über viele Jahre hinweg ebenfalls seine Kompetenz für vielfältig sinnvoll korrelierende Programm-Ideen einbrachte.

Dass Kelterborn bei all seinen Aktivitäten überhaupt Zeit und Ruhe zum Komponieren fand, mag erstaunen. Tatsächlich hat er über die Jahre ein stattliches Oeuvre von gegen 200 Werken geschaffen, das praktisch sämtliche musikalischen Gattungen umfasst. Dabei hat ihn die Auseinandersetzung mit den wichtigsten Strömungen der musikalischen Avantgarde von Neoklassizismus bis zu serieller Musik und Aleatorik ebenso geprägt, wie die immer wieder aufs Neue hinterfragten Bedürfnisse an den gerade im Moment relevanten musikalischen Ausdruck. So ist kein eigentlicher Personal-Stil entstanden, sondern im Gegenteil, ein Komponieren, das sich in jeder Konstellation, und auch für jede Besetzung, egal ob Oper und Sinfonie oder Kammermusik immer wieder aufs neue um den jeweils passenden musikalischen Ausdruck bemühte.

Kelterborn war kein Schwätzer, seine Texte über seine eigene Musik sind lakonisch kurz und sachlich. Von den wild wuchernden Theoriegebäuden mancher Komponistenkollegen ist das weit entfernt. Viel wichtiger als pädagogische Führung durch seine Musik ist ihm das aktive Zuhören, die Neugier und Offenheit eines Publikums. In einem seiner Aufsätze schrieb er: «Ich verstehe Musik als Ausdruckskunst. Das Bemühen um grösstmögliche Ausdruckskraft steht bei meiner Arbeit immer im Vordergrund.» Kompositorische Technik heisse überhaupt, «ein dichtes Netz von Bezügen zu schaffen, offensichtlichen und verborgenen», sagte er in einem Inteview. Und in in einem anderen: «Bei meiner Arbeit ist für mich nicht in erster Linie wichtig, ob ich etwas grundlegend Neuartiges schaffe. Wichtig ist mir dagegen, dass mein Werk bei Zuschauern und Zuhörern etwas in Bewegung setzt.»

Von Kelterborns reichem Oeuvre wohl am meisten Echo über die Neue-Musik-Szene hinaus erhielt 1984 die Uraufführung der Oper «Der Kirschgarten» nach Tschechow zur Wiedereröffnung des renovierten Opernhauses Zürich. Der blühende Kirschgarten, der bei Tschechow als Symbol für die Dekadenz einer Gesellschaft und einer Epoche steht, wird darin umgedeutet zum Fanal einer bedrohten Natur. Weitere Opern: «Ein Engel kommt nach Babylon» nach Dürrenmatt, 1977 uraufgeführt ebenfalls in Zürich, Shakespeares «Ophelia» 1984 bei den Schwetzinger Festspielen. Fünf Sinfonien hat er geschrieben, fünf Streichquartette, oft und gerne auch literarische Texte vertont, wobei der Weg manchmal auch umgekehrt war, dass er nämlich die Musik schon im Kopf hatte, und noch einen Text dafür suchte: «Für mich ist der Text oft der Kommentar zu meiner Musik, und es kam vor, dass ich eine Musik schon entwickelt hatte und dazu noch einen Text suchte. Ich finde die wechselnde Distanz oder Integration von Text und Musik gerade das Spannende dabei.»

Reinmar Wagner

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